Immer tiefer ist Afghanistan in den vergangenen Jahren ins Chaos versunken und damit auch die deutsche Aufbauhilfe. Kein Land bekam in der Vergangenheit mehr Entwicklungshilfe von der Bundesrepublik als Afghanistan, keine Organisation hat dafür mehr Gelder erhalten als die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Auf ihr ruhen die Hoffnungen der deutschen Politik, die jedes Jahr 430 Millionen Euro in die Stabilisierung des fragilen Staates steckt.

Aber was geschieht mit diesem Geld? Immer schwieriger ist es, darauf Antworten zu finden. Die GIZ ist offenbar immer weniger in der Lage, in dem Bürgerkriegsland zu arbeiten.

Der Bau des Landtags in Kundus schien zunächst eine Erfolgsgeschichte für die GIZ zu sein. Bevor die ZEIT vom Provinzrat gebeten wurde, das Gebäude in Augenschein zu nehmen, hat es kein Deutscher besucht. Im September 2017 wurde der neue Landtag eröffnet: zwei Etagen, große Fenster, frisch gestrichen in Grau und Pink. Baukosten: 285.000 Euro. Der stellvertretende Ratsvorsitzende führt durch das Haus. "Gucken Sie mal hier", sagt er und zeigt auf das Betonfundament. "Hier", sagt er an einer anderen Stelle, "hier", an wieder einer anderen. Daumenbreite Risse haben sich zwischen den Fundamentplatten geöffnet.

Die GIZ – eine staatliche Agentur, die im Auftrag der Bundesregierung Entwicklungshilfeprojekte durchführt – hat das Haus an der Kante eines steilen Abhangs errichtet. Das Gelände, auf dem es steht, wurde zuletzt als Müllhalde benutzt. Die GIZ hat, so der Vorwurf, hier auf Abfall gebaut. Zum Hang hin hat sich das Fundament des Hauses innerhalb eines halben Jahres um 14 Zentimeter abgesenkt.

Die Ratsmitglieder, die in dem Gebäude arbeiten, fürchten jetzt die ersten stärkeren Regenfälle. Das Haus würde dann noch weiter absacken. Der stellvertretende Ratsvorsitzende führt an den neuen Toiletten vorbei, deren Rohre nie richtig passten und die ständig Überschwemmungen verursachen. Die Türen des Hauses klemmen, die Fensterrahmen auch.

Als die Mitglieder des Rates letztes Jahr die Baustelle besichtigen wollten, hätten ihnen die Arbeiter den Zutritt versperrt. Ganz Kundus sprach über diesen Streit. Das Betonfundament wurde gerade gegossen, und die Räte wollten den Zementanteil kontrollieren. Aber der Bauunternehmer weigerte sich. "Und der afghanische GIZ-Ingenieur hat ihn unterstützt. Er hat uns verboten, unser eigenes Haus zu betreten!", klagt der stellvertretende Ratsvorsitzende.

Hinter der Firma, die von der GIZ den Zuschlag für das Ratsgebäude bekam, stehe der mächtigste Bauunternehmer der Provinz. Ein Mann aus armen Verhältnissen, der seinen Aufstieg als Übersetzer für die Bundeswehr und die deutsche Entwicklungshilfe begann. Bei Sybille Schnehage war es Dadgul Delawar, dem sie die deutschen Spendengelder ihres Katachel e. V. anvertraut hatte – und der ihr Vertrauen missbrauchte. Bei der GIZ ist es ähnlich. Auch sie gebe ihre Gelder, so die Anschuldigung, fast ausschließlich einem einzigen Mann. Sein Name darf hier aus juristischen Gründen nicht genannt werden. Mithilfe eines Netzes aus Scheinfirmen bekomme er 90 Prozent aller GIZ-Bauaufträge in der Provinz. Das sagen mehrere Ratsangehörige. Das sagen Journalisten in Kundus. Das sagen Mitarbeiter des Gouverneurs und andere Unternehmer. Sie alle fürchten die Nennung ihrer Namen. Der Baumogul unterhalte mittlerweile auch seine eigene Miliz. Es gibt Gerüchte, wonach er Konkurrenten unter Druck setze, sie bedrohe. In einem Fall soll er sogar einen Unternehmer entführt haben, um zu verhindern, dass er deutsche Bauaufträge bekommt. Der Konkurrent lebe jetzt als Flüchtling in der Türkei.

Die GIZ kann den Vorwurf, dass der Landtag von Kundus mangelhaft gebaut worden sei, nicht von deutschen Mitarbeitern überprüfen lassen. Wie Sybille Schnehage dürfen auch sie nicht nach Kundus reisen, seit drei Jahren, aus Sicherheitsgründen. Allerdings ist es nicht die deutsche Bundesregierung, die den Mitarbeitern die Reise verbietet – es ist die GIZ-Zentrale selbst.

Recherchen des Deutschlandfunks im benachbarten Masar-i-Scharif ergeben das gleiche Bild. Die GIZ vergibt Bauaufträge an Unternehmer, die sie nicht kennt und nicht kontrollieren kann. So landen viele deutsche Entwicklungshilfegelder auf den luxuriösen Palmeninseln Dubais, wo afghanische Politiker und Warlords mit Vorliebe ihre Villen kaufen.

Helfen, ohne am Ort zu sein, Aufträge vergeben, ohne die Auftragnehmer getroffen zu haben, bauen, ohne zu sehen, was gebaut wird. Auf diese Weise verteilt die GIZ in Afghanistan im Auftrag der Bundesregierung jedes Jahr 120 Millionen Euro.

Auf die Kritik an ihrem Projekt in Kundus reagiert die GIZ nicht sehr interessiert. Mit der Beobachtung konfrontiert, dass der Landtag offenkundig gravierende Baumängel zeigt, für alle sichtbar, auf Fotos dokumentiert, antwortet die Pressestelle: "Entgegen anderslautender Gerüchte ist die Bauqualität sehr gut." Die Vorwürfe, mit der Förderung eines Bauunternehmers eine mafiöse Struktur geschaffen zu haben, bleiben unbeantwortet. Es werden keine Rückfragen gestellt, auch die Fotos von den Bauschäden fordert die GIZ nicht an.