Der Anekdotenschatz des Dr. Khol

Ein altes Notizbuch, Buchbinder-Arbeit, blaues Blumenmuster am Einband. Viele lose Blätter stecken zwischen den Seiten, oft nur kleine Zettel. Versonnen blättert Andreas Khol durch seine Notizen. Zeit seines politischen Lebens hat der langjährige ÖVP-Mandatar die Anekdoten gesammelt, die seine Karriere begleiteten. Es sind nur Stichworte, doch sie erwachen sofort zum Leben, wenn der Vollblut-Politiker zu erzählen beginnt.

Anlässlich einer Sitzung des Politischen Ausschusses des Europarats vor dem Mauerfall, also Jahre vor 1989, war der damalige Präsident der DDR-Volkskammer Horst Sindermann zu einer Fragestunde eingeladen. Anwesend waren auch die beiden Europaparlamentarier Otto Habsburg und Philipp von Bismarck. Sindermann war schwerhörig, und "wie alle Schwerhörigen sprach er zu laut, selbst dann, wenn er nur flüstern wollte", erinnert sich Andreas Khol, der damals im Sekretariat des Europarats tätig war. "Er hatte das, was wir in der Fachsprache einen Blindenhund nennen, mit dabei, also einen Beamten, der ihn beriet." Bismarck und Habsburg stellten ihm Fragen. Sindermann flüsterte seinem Blindenhund, für alle deutlich verständlich, zu: "Dem Preußen antworte ich nicht, dem Österreicher schon, denn immerhin sind wir 1866 gemeinsam im Felde gestanden." Damals wurde eine Koalitionsarmee des Habsburger-Reiches und des Königreichs Sachsen bei Königgrätz von den Preußen vernichtend geschlagen.

"Ein großer Mann, mit dem ich im Vorstand der Gesellschaft für Außenpolitik gesessen bin, war Otto Schulmeister", erzählt Khol. Im Jahr 1986 stand die Wahl des Bundespräsidenten an, für welche die ÖVP den ehemaligen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim nominiert hatte. Khol: "Wir waren beide keine glühenden Waldheim-Fans." Im Frühjahr kam es zu den Angriffen auf den ÖVP-Kandidaten aus dem Ausland wegen seiner verschwiegenen Vergangenheit im NS-Staat. Zufällig begegneten einander Khol und Schulmeister in der Herrengasse. Von Weitem rief mir der Chefredakteur der konservativen Tageszeitung Die Presse über die Straße zu: "Jetzt müssen wir ihn beide wählen!"

Bei einer Stabssitzung im Vorfeld einer Nationalratswahl wurde gemeinsam mit einem Meinungsforscher, der für seinen Witz bekannt war, nach einem präzisen Slogan gesucht. Da meinte der Berater, dessen Namen Khol nicht verraten will: "Ich hab’s: Mir mochn a Bild vom Parteiobmann mit der Überschrift: 'Leutln wählts mich, ich mag euch a ned!'"

Kurz nachdem József Antall 1990 Ministerpräsident der ersten frei gewählten Regierung Ungarns geworden war, wurden der damalige Außenminister Alois Mock, Präsident der konservativen Parteieninternationale EDU, und sein Generalsekretär Khol gebeten, für ein dringendes Gespräch nach Budapest zu reisen. Die beiden Politiker machten sich auf den Weg und wurden von Antall in seinem "prunkvollen Büro" empfangen. Der Ministerpräsident wollte vorerst nur Smalltalk machen. Mock drängte, zur Sache zu kommen. Antall plauderte aber weiterhin Belanglosigkeiten und sagte plötzlich: "Herr Mock, Sie sind doch ein großer Freund des Fußballs. Dann muss ich Ihnen unbedingt unser neues Stadion auf der Margareteninsel zeigen." Mock entgegnete, er müsse leider rasch wieder zurück nach Wien, da sei für einen solchen Ausflug keine Zeit. Doch Antall beharre: "Das müssen Sie sehen." Mock und Khol fügten sich, wenn auch widerwillig. Im Stadion angekommen, meinte Antall: "Den besten Blick hat man vom Anstoßpunkt." Als die drei Politiker mitten auf dem Spielfeld standen, sagte der ungarische Ministerpräsident: "So, das ist der einzige Punkt, an dem ich in Budapest nicht abgehört werden kann. Herr Mock, in drei Tagen treten wir aus dem Warschauer Pakt aus. Ist Österreich bereit, uns auszuhelfen, wenn die Sowjets uns Gas und Erdöl sperren?" Khol: "Und so war’s dann auch. Wir sind eingesprungen, als die Russen ihre Lieferungen einstellten."

Zwei Tiroler Landeshauptleute trinken gemeinsam eine Flasche Weißwein. Der eine schenkt ein und philosophiert: "Scheana kann des net a Engele brunzen."

Als der legendäre Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer seinen neuen Stellvertreter Herbert Salcher von der SPÖ rund um das Jahr 1970 herum in die Kunst des Regierens einführte, erklärte er ihm: "Oans muscht du wissen: Ohne einen Gesetzesbruch am Tag kannst du des Land nit regieren."

Häufig erklärte Eduard Wallnöfer, eine Entscheidung sei einstimmig gefallen. Khol: "Damit meinte er: ein-stimmig, mit einer Stimme, nämlich seiner."

"Diese Jahre waren alles andere als lustig"

Die Pentagonale war eine Gruppierung, die eine lose Kooperation zwischen Jugoslawien, Ungarn, Italien, der Tschechoslowakei und Österreich ermöglichen sollte. Sie war kurz nach der Wende von 1989 auch auf Initiative Österreichs ins Leben gerufen worden. Bei einem Treffen dieser Gruppierung in Dubrovnik, zu einer Zeit, als Jugoslawien bereits in den letzten Zügen lag, begrüßte der letzte jugoslawische Ministerpräsident Ante Marković die Delegierten. Khol war als außenpolitischer Sprecher der ÖVP gemeinsam mit Bundeskanzler Franz Vranitzky und Außenminister Alois Mock angereist. In seiner Tischrede pries Marković die Vorzüge Jugoslawiens in höchsten Tönen. Anschließend begrüßte Franjo Tudjman als kroatischer Ministerpräsident die Gäste: "Jugoslawien ist tot. Wer immer sagt, Jugoslawien habe eine Zukunft, der lügt." Das, erinnert sich Khol, "hat uns alle erstaunt, wie er in Anwesenheit von Marković diese Worte wählte." Später im Theater von Dubrovnik bestürmte Tudjman lauthals Alois Mock: "Wir brauchen keine Worte, wir brauchen Waffen, wir brauchen Waffen, wir brauchen Waffen!" Mock, konsterniert, konnte nur entgegnen: "Nicht so laut, nicht so laut. Wir sind doch ein neutrales Land." Als der Unabhängigkeitskrieg Kroatiens dann wenig später ausgebrochen war, reiste Khol mit einer österreichischen Parlamentarierdelegation zu Tudjman nach Zagreb. Sie wurden im Büro des Ministerpräsidenten empfangen. Tudjman öffnete eine Tür, und dahinter klaffte ein riesiges Loch in der Wand. "Das war ein Gruß von Milošević", erklärte er. "Das war die Bombe, die mich um drei Meter verfehlt hat."

Über dem Parlament wehte eine schwarze Flagge. Fragte ein Abgeordneter einen Kollegen: "Wer ist denn gestorben?" Der antwortete: "Ist mir gleich, mir ist jeder recht."

In der Gründungsphase der EDU wurde 1978 heftig drüber diskutiert, wie sich die Parteienfamilie nennen solle: konservativ, christlich-sozial oder anders. Da ergriff der spätere britische Europaminister Douglas Hurd das Wort: "Es ist so schwierig, konservativ zu definieren. Ich kenne nur eine Definition, die mir plausibel erscheint: An den Hängen eines Berges hoch über dem Viktoriasee buddelt ein Rudel Warzenschweine im Boden. Da bricht ein Gewitter los, es blitzt und donnert. In der Herde bricht Panik aus, und alle Tiere, bis auf eines, stürzen sich den Hang hinunter und ersaufen im See. Das eine Warzenschwein aber, das gewartet hat, das könnte ein Konservativer gewesen sein."

Aus einer Sitzung wurde Andreas Khol einmal berichtet, dass der damalige ORF-Generalintendant Teddy Podgorski ein Gesetz aufgestellt habe, das daraufhin allgemein nur als das Podgorskische Gesetz bezeichnet wurde: "Auch ein Arschloch hat es nicht gern, wenn es ein Arschloch genannt wird." In dieser Formel, meint Khol, stecke "viel Weisheit".

Ein anderes Gesetz lernte Andreas Khol in der Volkspartei kennen: "Nicht Wissen ist Macht, sondern Mitwissen ist Macht."

Die Länge der Reden des verstorbenen Südtiroler Landeshauptmanns Silvio Magnago, erzählt Andreas Khol, sei legendär gewesen. In der Zeit vor der Annahme des Südtirol-Pakets fand in der Bezirkshauptmannschaft Lienz eine Besprechung zwischen Südtirolern und Österreichern statt, an der auch Eduard Wallnöfer teilnahm. Auf dem Weg zum Treffpunkt entdeckten Khol und Wallnöfer schon aus der Ferne einen dunkelblauen Fiat 2300. Die Tür der Limousine öffnete sich, zwei Krücken kamen zur Erscheinung, und aus dem Wagen kletterte Magnago, der im Krieg ein Bein verloren hatte. Wallnöfer zu Khol: "Jetzt kimmt der Magnago und erzählt uns in einer Stunde, was wir ohnehin schon alles wissen und was man in fünf Minuten auch sagen könnte." Khol: "Und so war es dann auch." Während der Sitzung erklärte Magnago nämlich lang und breit, es könne zu keiner Streitbeilegung mit Italien kommen, weil der deutsche Lehrplan für den Posaunenunterricht am Konservatorium in Bozen noch nicht kundgemacht gewesen sei. Eine winzige Maßnahme der 132 Maßnahmen des Südtirol-Pakets bestand darin, dass das Musikkonservatorium seine Lehrpläne zweisprachig veröffentlichen musste. "Magnago hat die Streitbeilegung mit allen Mitteln der Kunst viele Jahre hinausgezögert", erinnert sich Khol, "er hat immer noch dies und dann jenes gefordert und geschickt verhandelt. Und die Römer haben immer noch etwas zugestanden."

Aus der Zeit der Wenderegierung von Wolfgang Schüssel, als einer deren Architekten Andreas Khol gilt,finden sich vergleichsweise nur wenige Anekdoten in dem Erinnerungsbuch des ÖVP-Klubobmannes, der später zum Ersten Nationalratspräsidenten avancierte. Khol: "Diese Jahre waren alles andere als lustig."