Einen klugen Politiker unterscheidet von einem mittelmäßigen Politiker unter anderem, dass er in der Lage ist, im entscheidenden Moment nichts zu sagen. Ein bisschen reden vielleicht, aber eben nichts sagen. So zu beobachten bei Angela Merkel in der vergangenen Woche. Da wurde die Kanzlerin auf einer Reise von einer Nachricht über sich selbst überrascht: Sie habe, so die Nachricht, ihre Meinung geändert. Statt weiterhin für Deutschland den Präsidentenposten der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt anzustreben, tue sie nun alles dafür, einen anderen Präsidentenposten mit einem Deutschen oder einer Deutschen zu besetzen: den der EU-Kommission in Brüssel.

Merkel dementierte sofort – gerade so weich, dass ihr weiter beide Optionen offenstehen. Aber auch so hart, dass ihr Kandidat für den EZB-Posten, Bundesbankpräsident Jens Weidmann, nicht hinschmeißt, sondern nur grummelt.

So weit zur Kunst. Jetzt zum Kern.

Das Postengeschacher führt schließlich zu einer zentralen politischen Frage: Was wäre besser für Deutschland? EZB-Präsident oder EU-Kommissionspräsident? Aussuchen können die Deutschen es sich ohnehin nicht. Aber worauf sollten sie setzen?

Einige Politiker, besonders aus der SPD, wären dem Vernehmen nach zufrieden, falls Merkel tatsächlich ihre Prioritäten ändern würde: Der Kommissionspräsident könne mehr gestalten, lautet ihr Argument. Der EZB-Präsident sei zu stark gebunden durch das Mandat der Notenbank und habe zu wenig Spielraum für eigene Akzente. Übersetzt: Die Kommission bedeutet mehr politische Macht.

Das sind seltsame Ansichten, man muss kein Notenbanker sein, um das zu erkennen. Mario Draghi hat in der Euro-Krise die Macht der Notenbank nicht nur eindrucksvoll gezeigt, sondern sie auch erweitert. Er hat die Aufsicht über die größten Banken Europas an sich gezogen und die EZB zu einer Institution gemacht, die mitbestimmt, wann ein Land in der Krise kein Geld mehr bekommt und wann die Geldautomaten geschlossen werden. Draghi hat zudem dafür gesorgt, dass die Notenbank Staatsanleihen der Euro-Länder kauft, was den Ländern wirtschaftlich helfen soll, sie aber auch von der Notenbank abhängig macht. Und das, obwohl der EZB Staatsfinanzierung verboten ist. Die Draghi-Präsidentschaft zeigt, dass dieses Mandat durchaus dehnbar ist.

Was hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker getan? Er hat Krisengipfel einberufen, moderiert, vermittelt. Aber die politische Macht bei diesen Treffen hatte er nie. Die hatten Merkel, der französische Präsident, die nationalen Finanzminister und: Mario Draghi. Womöglich wird das in Zukunft ein wenig anders. Die Kommission verhandelt den Brexit, sie kontrolliert Konzerne wie Google und Facebook, sie betreibt Planspiele für eine Digital- und eine Plastiksteuer. Womöglich verwaltet sie bald auch ein größeres Budget für Investitionen. Aber die einzelnen Kommissare wirken bislang oftmals mehr von eigenen Interessen gesteuert als von ihrem Präsidenten.

Während Juncker in der Euro-Krise der Moderator war, ist Draghis EZB zu einer Art Nebenregierung aufgestiegen. Das muss man nicht gut finden, aber man kann es auch nicht ignorieren. Wozu also Juncker werden, wenn man Draghi werden kann? Oder, polemisch formuliert: Wieso Plastiktrinkhalme verbieten, wenn man die Geldpolitik Europas kontrollieren kann? Zumal Angela Merkel von einem deutschen EZB-Präsidenten auch innenpolitisch profitieren könnte: Ihren konservativen Kritikern könnte sie auf dem umkämpften Feld der Geldpolitik zeigen: Ich tue etwas! Für jene Sparer, die unter Niedrigzinsen leiden, wäre das ein gutes Zeichen.