Wenn Diplomaten wütend werden, merkt man das nicht gleich. Aggressionshemmung ist in ihrem Metier schließlich Einstellungsvoraussetzung. Doch im Berliner Auswärtigen Amt grummelt es derzeit gewaltig. Merkwürdige neue Parolen machen die Runde. Von "balancierter Partnerschaft" mit den USA ist die Rede, von einer zu schmiedenden "Allianz der Multilateralisten" ohne Amerika und von dem Wunsch nach "finanzieller Souveränität".

Übersetzt bedeutet das in etwa: Die wichtigste Partnerschaft Deutschlands, das transatlantische Verhältnis, ist schwer beschädigt, und es wird Zeit, Donald Trump klarzumachen, dass Europa gewillt ist, seine Interessen mit neuer Entschlossenheit zu verteidigen. Über die richtigen Methoden ist sich die Koalition allerdings uneinig. Das eine Lager, um SPD-Außenminister Heiko Maas, will sich von Amerika emanzipieren. Das andere Lager, um Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), will das Verhältnis reparieren. Ungefähr in der Mitte steht die Kanzlerin.

Außenminister Heiko Maas hat den Frust über die USA unter Trump in einem Zeitungsbeitrag auf die Formel gebracht: "Wir lassen nicht zu, dass ihr über unsere Köpfe hinweg zu unseren Lasten handelt." Im Auswärtigen Amt spricht man raunend von einer "Deinstitutionalisierung" der Außenpolitik unter Trump. Das Verhältnis sei dabei, "dysfunktional" zu werden.

Es ist kein Wunder, dass der Außenminister sich besonders entschlossen zeigt, denn seine Mitarbeiter bekommen den Washingtoner Neonationalismus am deutlichsten zu spüren, auch persönlich. Entscheidende Posten im US-Außenministerium sind entweder gar nicht oder mit Beamten besetzt, die Deutschland nicht als Partner, sondern als Gegner sehen. Fachleute, mit denen man sich im Washingtoner Außenministerium früher über entscheidende Fragen wie Russland, den Nahen Osten, den Iran oder die Klimapolitik abstimmen konnte, sind rausgeworfen oder vergrault worden.

Es gibt für die deutsche Diplomatie heute in Washington vielleicht noch drei bis vier funktionierende Kontakte, wo man früher Dutzende hatte. Deutsche Anregungen kommen im Weißen Haus schlicht nicht mehr an. Und selbst wenn man sich bemüht, in Verhandlungen die amerikanischen Erwartungen zu erfüllen, kann man nicht sicher sein, dass Trump nicht am Ende alles zerschießt, wie es beim Nuklearabkommen mit dem Iran der Fall war.

Sprachlosigkeit, Unberechenbarkeit, Rücksichtslosigkeit und erpresserisches Auftreten – so charakterisieren Berliner Diplomaten den neuen transatlantischen Alltag.

Im Zuge einer amerikanischen Politik, die man in Berlin für falsch und gefährlich hält, auch noch derartig gedemütigt zu werden, das hat Spuren hinterlassen. Man werde jetzt beginnen, "Gegendruck zu erzeugen", um "breitbeiniger" wahrgenommen zu werden, heißt es im Amt.

Das klingt ein wenig nach verletztem Stolz, aber tatsächlich geht es um die Wahrung deutscher Interessen.

Denn eine Welle von US-Sanktionen gefährdet wichtige Ziele der deutschen Außenpolitik. Zwei davon sind das Ende der iranischen Nuklearrüstung und die europäische Energieversorgung. Nach Washingtons Bruch des Atomabkommens haben die USA bereits am 6. August erste Finanzsanktionen gegen Teheran verhängt, die die Handlungsfähigkeit des Regimes sehr einschränken. Die iranische Regierung kann seither keine Dollars mehr kaufen, keine Anleihen in Dollars begeben und kaum noch Konten im Ausland führen. Kurz: Sie ist nicht mehr geschäftsfähig.