Als Beifall und Bravorufe lostoben, da hat eine neue Ära begonnen. Selten hat das generell recht begeisterungswillige Berliner Publikum seine Philharmoniker so gefeiert wie am vergangenen Freitag – und das lag an dem eher kleinen Neuen mit Bärtchen am Pult. Hatte man nicht vor wenigen Wochen erst den Lockenkopf Sir Simon rührend und gebührend verabschiedet? Wie auch immer: Kirill Petrenko leitete das Saisoneröffnungskonzert der Berliner Philharmoniker als designierter Chefdirigent; offiziell übernimmt der Generalmusikdirektor der Staatsoper in München erst 2019/20. Anderntags gab er das Benefizkonzert im Schlüterhof des Preußenschlosses, 295 Euro die Karte plus Public Viewing; dann ging es weiter mit seinen künftigen Musikern nach Salzburg, Luzern und London.

Immer noch mutet Kirill Petrenkos Weg auf den wohl begehrtesten Posten innerhalb der Klassikwelt märchenhaft an. 2015 wurde der damals 43-Jährige von den Philharmonikern, die sich ihren Chef traditionell selbst wählen, im zweiten Wahlgang überraschend gekürt; im ersten hatten sie sich nicht zwischen Christian Thielemann und Andris Nelsons entscheiden können. Zwar gehörte Petrenko längst zu den international renommierten Dirigenten und war in Berlin kein Unbekannter: Von 2002 bis 2007 dirigierte er an der Komischen Oper. Doch hatten die Philharmoniker bis dato ganze dreimal unter ihm gespielt – er muss sie fulminant überzeugt haben, sodass sie das Wagnis eingingen. Der Erwählte war geschockt, sandte aber ein leidenschaftliches "Ich umarme dieses Orchester" nach Berlin.

Nun konnte man live erleben, wie enthusiastisch diese Umarmung ausfällt – und zwar wechselseitig. Der im sibirischen Omsk geborene, als 18-Jähriger mit seiner Familie nach Österreich übergesiedelte Russe hatte deutsches Kernrepertoire aufs Programm gesetzt. Richard Strauss’ Tondichtungen Don Juan und Tod und Verklärung sowie Beethovens 7. Sinfonie sind gute alte, oft zu Tode gerittene Schlachtrösser; eine solche Zusammenstellung hätten schon Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan bieten können. Doch das Risiko der Konvention scheint Petrenko bewusst eingegangen zu sein für eine Demonstration dessen, was in diesen Stücken ästhetisch steckt.

Vom ersten Ton an mit gleißender Strahlkraft gibt das Orchester den jugendlichen Liebhaber im Don Juan. Petrenko treibt die Ausnahmemusiker in einen wahren Höhenflug mit sinnigen Tempoverzerrungen, dann wieder hinab in ein verträumtes Zaudern bis hin zur Generalpause, die Petrenko in eine spannungsgeladene Ewigkeit dehnt, bevor er die Schlusstakte in unerhört subtilem Zusammenklang verdämmern lässt. Fast stillstehend ist das Orchesterspiel zu Beginn von Tod und Verklärung, in Düsternis verharrend mit abgrundtiefen Basslinien. Alle Einzelheiten treten plastisch hervor, ohne dass der Sinn fürs Ganze verloren ginge: Dass da nichts zerfällt und zerfasert, zeigt Petrenkos immense Fähigkeiten, der zudem die ganze Farbpalette des Orchesters vorführt, auch im dramatisch auffahrenden Fortissimo. Wer diese Strauss-Stücke als effektvolle Breitwandmusik im Ohr hat, erkennt dank Petrenkos Auffrischung, wie fein differenziert diese Musik in ihren innigen Momenten doch sein kann. Programmatisch wirken an diesem Abend beide Werke über Anfang und Ende allemal.

Ganz ähnlich dann Petrenkos Beethoven: Dessen 7. Sinfonie kippt leicht in ein hohl lärmendes Humptata. Gerade im Presto des dritten Satzes umschifft Petrenko diese Gefahr meisterhaft, mit wiegenden Schritten kostet er das Jahrmarkthafte aus und rückt die Musik klug an Mahler heran. Im Hochgeschwindigkeitsallegro con brio meint man einen wilden russischen Steppentanz zu vernehmen, vom Orchester mit sichtlicher Lust am Exzess dargeboten. Dennoch bleibt über alledem das Allegretto haften, jener zweite Satz dieser Sinfonie, bei dem der Dirigent zwischen melancholischem Tanz und Trauermarsch wählen muss. Petrenko entscheidet sich für tief bewegende Vergeblichkeit, Beethoven als Romantiker, tragisch getrieben bis in den Wahnsinn eines Schostakowitsch-Walzers. Kein Zweifel: Was sich in dieser Sternstunde zwischen dem als besessener musikalischer Arbeiter geltenden Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern offenbarte, war mehr als der Zauber eines Anfangs. Diese Umarmung wird Großes gebären.