"Wie wird man als New Yorker Professorin zum Mitglied im Digitalrat der deutschen Bundesregierung? Man muss Deutsch können, die Sprache des Rates. Irgendwann meldet sich Helge Braun, Kanzleramtschef und Minister für besondere Aufgaben, und fühlt vor: Ist die Kandidatin die Richtige, und würde sie das Ehrenamt überhaupt annehmen? Und eines Tages ruft dann Angela Merkel persönlich an.

" "Aufregend war das", sagt Beth Noveck, Professorin an der New York University und Chefin des dortigen Governance Labs, das in verschiedenen Teilen der Welt versucht, Regierungen und Bürger näher zusammenzubringen. Genau das ist Novecks Mission: ""Open Government"." Mit digitaler Technik sollen die Staaten die Wünsche und Ideen ihrer Bürger erkunden, bevor Gesetze geschrieben und amtliche Verfahren beschlossen werden. Digitales Regieren bedeutet für Noveck, die Bürger an der Problemlösung zu beteiligen – "also nicht nur Interessen und Perspektiven abzufragen, sondern ihr Wissen und ihre innovativen Ideen einzubeziehen".

""Eine effizientere Regierung schafft neues Vertrauen" – das ist Novecks Gleichung, die im Ringen mit dem Populismus noch wichtig werden könnte. Deshalb ist die Frau aus Amerika wichtig für das zehnköpfige Gremium, dem zwar sonst nur Muttersprachler angehören, deren Akzente aber unterschiedlich sind.

"Dabei ist ein Schweizer, dabei sind drei Österreicher. Einer von ihnen, der Oxford-Professor "Viktor Mayer-Schönberger", spricht übers Internet in einem fröhlichen Salzburger Akzent mit angelsächsischen Einsprengseln. Andreas Weigend, einer von fünf Deutschen im Rat, war früher Chefforscher bei Amazon. Heute lebt und lehrt er in der Gegend von San Francisco und spricht die Mischsprache der Deutschen im Silicon Valley.

"Die Mitglieder haben sich die Arbeit entsprechend ihren Expertisen in fünf Paaren aufgeteilt. Beth Noveck arbeitet eng zusammen mit dem Österreicher Peter Parycek, der an einem Fraunhofer Institut die Digitalisierung vorantreibt und ebenfalls die offene Regierung propagiert. Gemeinsam wollen sie erreichen, dass "alle Bürgerdienstleistungen für die Bürger digitalisiert werden", wie Noveck sagt – also einfach übers Netz erlangt werden können. Klingt einfach, ist es aber nicht, schon weil viele Leistungen zwar vom Bund bezahlt, aber von den Ländern erbracht werden. Dabei ist das nur ein Projekt unter vielen.

"Angela Merkel sieht in dem Rat "ein kleines, schlagkräftiges Gremium" mit Mitgliedern, "die uns antreiben, die uns unbequeme Fragen stellen". Tatsächlich wolle der Rat unbedingt handeln und nicht irgendwelche Berichte erstellen, erklärt Beth Noveck. "Schon beim ersten Zusammenkommen" waren deswegen diverse Minister und Staatssekretäre mit dabei. So wollen die Räte für Innovation sorgen, und das auf innovative Art. Das heißt auch, dass sie nicht alles selbst machen, sondern ihre weltweiten Kontakte nutzen. Schon auf der Rückreise nach New York am vergangenen Freitag brachte Noveck die Taiwanesen mit ins Boot, die bei neuen Richtlinien und Gesetzen schon insgesamt 200.000 Bürger mit ihren Meinungen und Ideen einbezogen haben. Ihre Erfahrungen könnten wertvoll sein.

Beth Noveck beriet schon Präsident Barack Obama. © PR

Es gehe eben nicht nur um die zehn Mitglieder, von denen ja jeder mindestens drei Jobs habe, sagt Noveck. "Es geht um die zehn Leute und ihre internationalen Netzwerke." Sie hat nicht bloß solche Kontakte, sondern auch Projekterfahrung. Von 2009 bis 2011 war sie die stellvertretende Technologiechefin in der Obama-Regierung und leitete die Initiative fürs offene Regieren. Da war sie noch keine vierzig. Die britische Regierung berief sie in ihr Internetgremium, und derzeit arbeitet sie in ihrem Labor mit lateinamerikanischen Staaten zusammen. In diversen Top-100-Listen globaler Denker, Kreativer oder Tech-Frauen taucht ihr Name auf.

Noveck, Jahrgang 1971, ausgebildet in Harvard und Yale, neigt nicht zur Besserwisserei, sondern ist im Gespräch neugierig und begeisterungsfähig. Ihr Selbstbewusstsein ist, anders als bei so manchem Digitalguru, nicht laut, sondern präsent. So kann man wohl auch eine Bundeskanzlerin ins fremde digitale Land führen. Ein Land, das Noveck eben mit einer positiven Idee fürs Gemeinwesen verbindet.

Entstehen soll eine öffentliche Welt, in der nicht bloß die besten Bürgerideen in die Gesetzgebung einfließen, sondern beispielsweise neue Eltern von der Geburtsurkunde bis zu den Anträgen für Kindergeld und Kita alles an einem Ort im Netz finden. In der auch Unternehmer sämtliche nötigen Anträge mit einem Knopfdruck erreichen. In einer Art Umkehrung von Kafka soll die Logik vom Bürger ausgehen und sich nicht gegen ihn richten. Außerdem stellt sich Noveck vor, dass Bürger die ihnen zustehenden Sozialleistungen automatisch erhalten – auf Basis des Steuerbescheids setzt dann ein Algorithmus alles in Bewegung. "Schnell, leicht und mit Würde."

Beth Noveck weiß, was geht. Unter Obama haben sie vor dem Schreiben von Gesetzesentwürfen schon die Ideen erfindungsreicher Amerikaner gesammelt – und ebenso die Vorstellungen kreativer Beamter. Sie konnten Daten- oder Computerexperten für ein oder zwei Jahre als "Innovation Fellows" des Präsidenten in den Regierungsapparat bringen, und das innerhalb weniger Wochen.

Mehr Austausch könnte auch den Deutschen guttun. Ebenso das, was nun in einem Teil von Neuseeland geschieht: Dort finden sich in eigens eingerichteten, unabhängigen Laboren Beamte, Unternehmer und Studenten zusammen, um eine öffentliche Dienstleistung zu verbessern. Wo es möglich ist, Einfluss zu nehmen, machen Menschen eben eher mit.

So wie im Digitalrat, der sich nicht, wie hier und da vermeldet, zweimal im Jahr trifft, sondern gleich schon wieder im Oktober und am liebsten monatlich; außerdem tauschen sich die Mitglieder über Digitalmedien wie WhatsApp und Slack aus. Diese Woche sollen Anregungen über die Künstliche-Intelligenz-Strategie der Bundesregierung eingeholt werden. Mit anderen Worten, es soll sich schnell etwas bewegen in einem Land, dessen Netzpolitik lange gar nicht erkennbar war. "Der Enthusiasmus ist da", sagt Noveck. "Herausforderungen sind nur Ziel und Zeit."