Meine beste Freundin und ich waren vierzehn, und es war 1999, nachmittags. Wir hatten gerade von Andreas Türck (Talkshow auf ProSieben, "Ich kriege jeden ins Bett", "Keiner will mit mir ins Bett", irgend so etwas) zu Viva geschaltet. Es lief Baby One More Time von Britney Spears, die bei Teenagern mit ausgeprägtem Distinktionswillen eigentlich als indiskutabel galt, aber bei MTV lief ebenfalls Baby One More Time, also guckten wir das. Und tatsächlich waren wir froh darüber, dass uns das Fernsehprogramm keine Wahl ließ, denn Britney Spears dabei zuzusehen, wie sie Britney Spears war, war wie eine Idee von diesem Sex zu bekommen, den wir damals noch nicht hatten. Die damals 17-Jährige tanzte mit Zöpfchen und in Schulmädchen-Uniform, ihr Bauch war flach und braun, sie guckte immer so von unten nach oben, wo die Kamera war, und das wirkte irre klein und unschuldig, aber zusammen mit dem Inhalt des Textes ("When I’m not with you / I lose my mind / Hit me baby one more time"), dem erwachsen geschminkten Kindergesicht und den Sachen, die Britney Spears beim Singen mit ihrer Zunge machte, ergab das die Lolita-Mischung, die seit je und eben auch damals eine erprobte und akzeptierte sexuelle Möglichkeitsform war, für junge Teenager-Mädchen vielleicht sogar die einzige. Man sollte begehrenswert sein, aber nicht selber begehren, und man durfte um Himmels willen nicht in den Verdacht geraten, eine Schlampe zu sein. Britney Spears verkörperte dieses Modell vom Mädchensein, das rein und sauber war und nur in den Köpfen der Betrachter dirty wurde. Es, das Mädchen, war somit für jeglichen Sex entschuldigt, denn sie konnte ja nichts dafür. Und wir, die damals vor dem Fernseher saßen und unbedingt Mädchen sein wollten, die das Unvereinbare zusammenbrachten, nämlich sexuell interessiert zu sein, ohne eine Sexualität zu haben, nahmen das Angebot von Britney Spears interessiert zur Kenntnis.