Das gab es noch nie in der jüngeren Geschichte des Katholizismus: Da fordert ein Erzbischof den Papst per Brief öffentlich auf, zurückzutreten. So als wäre Pontifex ein politisches Amt wie jedes andere, seit Benedikt XVI. am 28. Februar 2013 den Stuhl Petri angeblich aus gesundheitlichen Gründen räumte, um als "Papa emeritus" (was immer das kirchenrechtlich ist) fortan durch die Vatikanischen Gärten zu flanieren.

Schon formal ist die Traute von Erzbischof Carlo Maria Viganò also einmalig. Gegen alle Gehorsamskonventionen bietet er dem Papst vor aller Welt die Stirn. Hinzu kommt: Die Rücktrittsforderung des vatikanischen Diplomaten und ehemaligen Apostolischen Nuntius in den USA traf Franziskus im vielleicht verletzlichsten Moment seines Pontifikats: während einer diplomatisch heiklen Mission im einst sehr katholischen Irland.

Immer wieder wurde die irische Gesellschaft in den vergangenen 20 Jahren erschüttert von Berichten über den jahrzehntelang geduldeten sexuellen Missbrauch an Kindern durch Kleriker. Und dann veröffentlichte eine Grand Jury des US-Bundesstaats Pennsylvania auch noch Tage bevor der päpstliche Flieger gen Dublin abhob einen Bericht über tausendfachen sexuellen Missbrauch in sechs Diözesen des Staates. Weltweites Entsetzen war die Folge. Dieses Entsetzen wollte auch nicht weichen, als Franziskus kurz nach Veröffentlichung des Grand-Jury-Berichts in einem Brief an alle Christen das Versagen seiner Kirche reumütig eingestand. Der Schrei der Opfer, schreibt Franziskus in dem Brief, sei stärker gewesen "als die Maßnahmen all derer, die versucht haben, ihn totzuschweigen".

Ebendas macht die Rücktrittsforderung des ehemaligen Nuntius nicht nur historisch einmalig, sondern auch politisch brisant: Auf elf Seiten meint Viganò beweisen zu können, dass Franziskus aller öffentlichen Reue zum Trotz selbst zu den Totschweigern zu rechnen ist. Konkret geht es um den Fall von Theodore Edgar McCarrick, ehemaliger Erzbischof von Washington. Dieser musste im Juni als weltweit erster Kardinal aus dem Kardinalskollegium zurücktreten, weil er sich an Schutzbefohlenen vergangen haben soll.

Carlo Maria Viganò behauptet: Bereits im Jahr 2013 habe er persönlich Papst Franziskus über angebliche homosexuelle Verfehlungen McCarricks informiert. Dieser sei schon damals kein unbeschriebenes Blatt gewesen in Rom: Bereits Papst Benedikt XVI. habe Jahre zuvor ein Reise- und Zelebrationsverbot über McCarrick verhängt. Einen offiziellen Beleg dafür gibt es nicht. Im Gegenteil: McCarrick las über Jahre hinweg ungestört die Messe und reiste 2012 sogar eigens in den Vatikan, um, wie die New York Times berichtete, dem deutschen Papst zum Geburtstag einen Erdbeer-Kiwi-Kuchen zu überreichen.

Was immer genau geschehen oder unterblieben ist: Viganò beschuldigt Franziskus nicht nur vor aller Welt, einen Missbrauchstäter vor Strafe bewahrt zu haben. Franziskus habe McCarrick angeblich auch noch zum Berater befördert, um dem Vatikan die Türen zu öffnen in die damalige Obama-Administration. Das alles ließe sich vielleicht noch abtun als giftiges Geraune eines bekennend konservativen Franziskus-Gegners, der mit der auslegungsfähigen Haltung des Papstes zum Sakrament der Ehe und der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene noch nie viel anfangen konnte. Doch der Furor des Briefes spricht für ein noch tiefer gehendes Zerwürfnis, eine persönliche Kränkung gar. Um die zu begreifen, muss man sich den Autor genauer ansehen.

Der 1941 im norditalienischen Varese geborene Viganò gehört zu den schillerndsten Gestalten, die die Kurie in der Vergangenheit zu bieten hatte. Als Generalsekretär der vatikanischen Innenverwaltung war er 2011 eine der Hauptfiguren in der sogenannten Vatileaks-Affäre. Eingesetzt von Benedikt XVI., um den chronisch defizitären Haushalt des Vatikanstaats zu sanieren, machte sich Viganò intern rasch Feinde. 2011 wurden Briefe öffentlich, in denen Viganò den Papst und andere Offizielle vor einem Netz der Korruption und der Vetternwirtschaft im Vatikan warnte.

Anfang 2012 sendete der italienischen Fernsehsender LA7 dann eine Dokumentation über den vermeintlichen Finanzskandal. Dafür interviewte der Investigativ-Journalist Gianluigi Nuzzi exklusiv einen gesprächsbereiten wie hochrangigen Kurienmitarbeiter: Carlo Maria Viganò. Der war zu diesem Zeitpunkt bereits abberufen worden als Generalsekretär der vatikanischen Innenverwaltung, obwohl er diese reformiert und sogar mit ihr einen Überschuss von 34 Millionen Euro erwirtschaftet hatte.