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Wenn zwei Männer einen dritten erstechen, ist das immer ein fürchterliches Verbrechen, aber nur selten eine nationale Nachricht. Wenn aber zwei Flüchtlinge einen Deutschen erstechen, könnte die Nachricht derzeit nicht größer sein. Am vergangenen Wochenende erstachen in Chemnitz zwei Männer einen Deutschen, dessen Familie kubanische Wurzeln hat. Dringend verdächtig sind ein Iraker und ein Syrer, beide sitzen in Untersuchungshaft. Die Bluttat und ihre Folgen erschüttern seither das Land.

Noch, bis zum Redaktionsschluss der ZEIT, weiß man nicht viel über Täter und Tatumstände. Klar ist nur: Das Verbrechen muss schnell aufgeklärt und hart bestraft werden. Wer mit einem Messer zusticht, darf nicht auf Milde hoffen, ganz gleich, welche Staatsbürgerschaft er hat.

Wer allerdings die pogromartige Stimmung verfolgt hat, die in Chemnitz und im Internet nach dem tragischen Tod um sich griff, wer die Jagdszenen auf vermeintliche Ausländer beobachtete, der spürt, dass es den Demonstranten weder um Gerechtigkeit noch um Trauer ging, sondern um ein Fanal. Ein Pulk von mehreren Tausend Rechten und Rechtsextremisten zog durch die Stadt, warf Steine und zeigte den Hitlergruß. Ein Hauch von Rostock-Lichtenhagen lag in der Luft, wo Neonazis vor 26 Jahren ein bewohntes Asylbewerberheim in Brand gesteckt hatten. In Sachsen hat sich etwas Bahn gebrochen, was in dieser Dimension neu ist und Anlass zu größter Sorge gibt: Auf der Straße sind Neonazis mit Hooligans und AfD-Anhängern, mit Wut- und Hutbürgern zu einem Lynchmob verschmolzen, der sich als Sturmtrupp des gesunden deutschen Volksempfindens aufführte. Wie Pegida auf Amphetaminen. Wie konnte das passieren? Und was sind die Lehren daraus?

Da ist zunächst die Polizei, die wie einst in Lichtenhagen auch diesmal aus Hilflosigkeit und hoffentlich nicht aus stiller Akzeptanz danebenstand, unfähig, zumindest die schlimmsten Exzesse zu unterbinden. Zweimal in wenigen Tagen haben sächsische Beamte bewiesen, dass sie keinerlei Gespür dafür besitzen, was ihre Aufgabe in einer Demokratie ist. Zunächst, als sie bei einer Demo gegen Merkel die Arbeit eines ZDF-Teams behinderten, dann am Sonntag und Montag in Chemnitz. Wer randalierenden Hooligans und Neonazis die Straße überlässt, wer Unbeteiligte nicht vor Gewalttätern schützen kann, der gibt den Rechtsstaat preis. Wenn der Innenminister und seine Polizeiführung ihrem Job nicht gewachsen sind, dann müssen sie gehen.

Sachsen wiederum muss sich fragen, wie es zu dieser Allianz aus Normalbürgern und Gewalttätern kommen konnte und welche Rolle dabei der sanfte Kurs des Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) gegenüber der AfD spielte. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich Neonazis in Sachsen mit Duldung von Lokalpolitikern austoben können. Und es ist nicht das erste Mal, dass ein Mob die Straße übernimmt, wie die Beispiele der fremdenfeindlichen Randalen in Heidenau 2015 oder in Clausnitz 2016 zeigen. Vielerorts gelten Rechtsextremisten noch immer als "unsere Jungs", rechte Gewalt wird oftmals behandelt, als sei sie ein Kavaliersdelikt.

Und die Medien? Dass der MDR am Montagabend keine Sondersendung ansetzte, sondern eine olle Defa-Kamelle im Abendprogramm brachte, und die Sächsische Zeitung sich am Morgen nach den Krawallen ausführlich auf die Suche nach dem "sächsischen Wort des Jahres" begab, aber nur am Rande aus Chemnitz berichtete, zählt zu den speziellen sächsischen Sitten im Umgang mit rechts außen, die außerhalb des Bundeslandes nur schwer zu verstehen sind.

Entfesselt hat diesen Mob aber zuerst die AfD, indem sie am Sonntag, nur Stunden nach der Tat, ihre Anhänger auf die Straße rief. Als die Hetzjagd bereits begonnen hatte, fachte Alice Weidel die Proteste am Montag weiter an, ihr Abgeordneter Markus Frohnmeier redete die Randale schön, die Menschen seien doch nur auf die Straße gegangen, um sich selbst zu schützen. Die Demonstranten von Chemnitz sind auch Weidels und Frohnmeiers Demonstranten.

Für die Zukunft der AfD, das ist die dritte Lehre, ist dies ein konstituierender Moment. Sie muss sich entscheiden, was für eine Partei sie sein will: eine konservative, im Zweifel nationalkonservative Partei im Stile eines Alfred Dregger, die sich als Alternative für enttäuschte Unionswähler begreift, aber eine klare Grenze zu Rechtsextremisten zieht? Für eine solche Partei gibt es in Deutschland einen demokratischen Platz, auch wenn ihre Parolen nur schwer auszuhalten sein mögen. Oder aber eine Partei als Schallverstärker für jenen rassistischen, gewaltbereiten Pöbel, der durch die Straßen von Chemnitz tobte?