Im niedersächsischen Gifhorn werden seit diesem Monat fünfzehn Kinder zwischen einem und sechs Jahren in einer christlich-muslimischen Kita gemeinsam betreut. Träger des Horts "Abrahams Kinder" sind die katholischen Gemeinde Sankt Altfrid, die deutsch-türkische Moscheegemeinde Ditib und die Diakonie. Der katholische Pastoralreferent Martin Wrasmann steht dem bundesweit ersten Projekt dieser Art vor. Über vier Jahre zogen sich die Verhandlungen hin, in einer "Kooperationsvereinbarung" mussten erst die Rahmenrichtlinien festgelegt werden. Es fehlt bisher an Modellen, lediglich in Osnabrück habe man, sagt der Hildesheimer Bischofsbeauftragte, bei einem ähnlichen Versuch "überwiegend gute Erfahrungen gemacht". 2021 soll in Berlin-Moabit ein weiteres Projekt an den Start gehen.

Dass eine solche Zwei-Religionen-Kita für Aufruhr sorgt, verwunderte die Projektbetreiber nicht. Mancher "besorgte Bürger" sieht darin ein Einfallstor des Islamismus in die deutsche Kinderstube. Dabei soll es laut Trägerverein lediglich ein "Beitrag zur Begegnung beider Kulturen" sein. Ein Vorwurf wiegt etwas schwerer: Steht die Ditib nicht dem türkischen Präsidenten Erdogan nahe? Wird der Verein nicht durch den Verfassungsschutz beobachtet? Doch darin eine Gefahr zu wittern, dass aus der Spielecke im Gifhorner Kinderhort eine terroristische Plattform wird, hält der Gifhorner Bürgermeister Matthias Nerlich, ein gestandenes CDU-Mitglied, für abwegig. Er unterstützt das Projekt finanziell und ideell: "Das gemeinsame Moment aller abrahamitischen Religionen ist die Friedensbotschaft", argumentiert das Stadtoberhaupt. "Die Kinder sollen voneinander lernen und sich gegenseitig wertschätzen." Weder Koran- noch Bibelvorschule, soll der Hort auch für Kinder offen sein, die keiner Religion angehören. Vielleicht wird deshalb die Warteliste immer länger.

Die Eltern scheinen die Ängste nicht zu teilen. Bei Gottesdiensten tauchten jedoch inzwischen anonyme Flugblätter auf, die vor einer schleichenden Islamisierung warnen. Dass in den Moscheen niemand gegen die Missionierung durch die Kreuzfahrer wettert, macht die Kita in den Augen der Gegner umso verdächtiger. Einigen Kritikern stößt auf, dass in der Kita nach Halal-Regeln gekocht, also Fleisch von geschächteten Tieren verzehrt wird, Schweinefleisch aber nicht auf die Kinderteller kommt.

Verwischt die Toleranz die eigene religiöse Identität? Soll eine konfessionell gebundene Einrichtung die religiöse Sozialisierung ihres Glaubens fördern oder soll sie dem Dialog zwischen den Religionen dienen? Diese Grundfrage der Zukunft hat die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover, in deren Sprengel Gifhorn liegt, anders als das Hildesheimer Bistum beantwortet: Man wolle dann doch lieber ein klares "evangelisches Profil" zeigen. Für das Miteinander ist die lokale Diakonie zuständig.

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