Dass der City-Hof verschwinden soll, ist für die SPD-Spitze spätestens am 30. April 2013 klar. Um 11.13 Uhr verschickt der damalige Finanzsenator Peter Tschentscher eine interne E-Mail, die keinen Zweifel daran lässt, dass ihm der Denkmalschutz bei diesen vier Hochhäusern am Hauptbahnhof ziemlich egal ist.

Tschentscher schreibt die Mail an Thomas Schuster, den Chef des Landesbetriebs Immobilienmanagement und Grundvermögen. Der Finanzsenator teilt Schuster mit, welche "Sprachregelung" er mit dem Chef der Senatskanzlei und dem Leiter des Bezirksamts Mitte vereinbart habe: "Für das Grundstück am Klosterwall wird eine städtebauliche Neuentwicklung angestrebt." Falls jemand genauer nachfragen sollte, sei zu sagen: "Auch ein Abriss kommt dabei in Frage."

Es gibt da nur ein Problem: Erst wenige Tage zuvor hat Hamburg ein neues Denkmalschutzgesetz erlassen, das den City-Hof unter Schutz stellt. Die Stadt werde "durch vorbildliche Unterhaltungsmaßnahmen an Denkmälern für den Wert des kulturellen Erbes" eintreten, steht darin. Zuständig für den Denkmalschutz ist die Kultursenatorin Barbara Kisseler. Was also tun?

Tschentscher tippt: "Darüber hinaus habe ich mit Frau Kisseler besprochen, dass der Denkmalschutz einem Abriss der Klosterwall-Gebäude nicht entgegenstehen soll."

So wünscht sich der heutige Bürgermeister Tschentscher das vor fünf Jahren: Der City-Hof soll verschwinden, und die Kulturbehörde soll keine Scherereien machen.

Seither setzt die SPD-Spitze alles daran, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Doch es läuft nicht so rund, wie Tschentscher es sich vorgestellt hat: Der City-Hof steht immer noch, der bereits im Dezember von der Baufirma August Prien beantragte Abriss musste vorläufig aufgeschoben werden. Das liegt an zwei Frauen, die an diesem Donnerstag nach Hamburg kommen und den City-Hof inspizieren werden. Sie sind Expertinnen im Auftrag der Unesco. Die Unesco hat vor drei Jahren dem angrenzenden Kontorhausviertel den Titel Weltkulturerbe verliehen. Nun werden sich die zwei Frauen die Pläne des Neubaus anschauen, der laut vielen Kritikern die Sicht auf das Kontorhausviertel zumauert und noch dazu ziemlich langweilig ist. Dann werden sie einen Bericht schreiben, der mit darüber entscheidet, ob Hamburg den Titel Weltkulturerbe wieder verliert, weil es ein Baudenkmal abreißt, das direkt danebenliegt, in der sogenannten Pufferzone. Es wäre eine der größten Peinlichkeiten der jüngeren Stadtgeschichte, wenn es so weit kommen sollte.

Dass tatsächlich viel auf dem Spiel steht, zeigt die erste Einschätzung der Unesco-Berater vom April. Darin widersprechen sie auf zweieinhalb Seiten ausdrücklich der Argumentation der Stadt, wonach der Abriss kein Problem sei: "Wir bleiben bei dem Standpunkt, dass die City-Hof-Gebäude selbst wichtig sind und eine wertvolle Ergänzung des Welterbes bieten", schreiben die Experten des International Council on Monuments and Sites.

Gegen den Neubau kämpft inzwischen eine Allianz, wie sie Hamburg noch nie gesehen hat: Die Patriotische Gesellschaft, die Architektenkammer, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und viele andere haben öffentlich protestiert. Städtische Mitarbeiter opponieren intern gegen die Abrisspläne. Im Rathaus haben sich CDU und FDP mit der Linkspartei verbündet. Und die SPD fragt sich verwundert: Warum hängen die nur so an diesen vier hässlichen Blöcken?

Wer den City-Hof in diesen Tagen besucht, steht vor einem Bild der Trostlosigkeit. Die unteren Stockwerke sind seit dem Auszug des Bezirksamts Mitte vor drei Monaten mit Sperrholzplatten verrammelt. Aus Angst vor Eindringlingen patrouilliert ein Sicherheitsdienst. Arbeiter graben bereits Schächte und kappen die Versorgungsleitungen. Und die in den Siebzigerjahren auf die Fassade geschraubten Eternitplatten sehen dunkelgrauer und schmutziger aus denn je. Wer die Geschichte des Gebäudes nicht kennt, muss es tatsächlich für einen Schandfleck halten.