Erfurt 1634. Der Dreißigjährige Krieg währte bereits 16 Jahre. Die Stadt war einer der Hauptstützpunkte der protestantischen Großmacht Schweden in Deutschland. Also kam im Januar 1634 der schwedische Reichskanzler Axel Oxenstjern zu Besuch. Er wollte im Dom die sogenannten "gebackenen Bischöfe" sehen, die Statuen der Ortsheiligen. Die Erfurter Katholiken, die auch nach der protestantischen Vorherrschaft in der Stadt mit den Evangelischen im Dom abwechselnd ihre Gottesdienste abhielten, behaupteten, in diesen Holzfiguren seien leibhaftige Reliquien der beiden Bistumspatrone eingeschlossen. Das konnte Oxenstjern nicht glauben, also ließ er die Figuren aufsägen, und siehe da, es hat sich "nichts denn Holz" in ihnen befunden, wie eine anonyme Chronik berichtet – und der Reichskanzler entsprechend "die Catholischen ihres großen Betrugs und Irrtums erinnert".

Das kann man als einen Akt "gewaltsamer religiöser Aufklärung" verstehen, wie es Hans Medick in seinem jüngsten Buch tut, denn die Protestanten haben mit dieser "Sägeprobe" ein katholisches Symbol entheiligt (Der Dreißigjährige Krieg. Zeugnisse vom Leben mit Gewalt, Wallstein Verlag). Der katholische Domherr Caspar Marx war davon zwar höchst irritiert, erklärte aber geduldig weiterhin die katholischen Besonderheiten der Reliquienverehrung – und die sind mit Sägen nicht zu erfassen.

Was lehrt diese Geschichte? Zunächst, dass auch der Dreißigjährige Krieg kein reiner Religionskrieg war, weil es reine Religionskriege ohnehin nicht gibt. Es ging in diesem Krieg immer auch um Besitzfragen, um Symbole, um Deutungshoheiten, um Machtpolitik ohnehin. Das betonen auffälligerweise sehr ausdrücklich fast alle Bücher, die jetzt aus Anlass der 400-jährigen Wiederkehr des Kriegsbeginns erschienen sind. Es ist ja auch richtig, obwohl es genauso richtig ist, dass es keine Konflikte des Dreißigjährigen Krieges gab, die nichts mit Religion zu tun hatten. Aber der laute, geradezu aufstampfende Ruf wider den Dreißigjährigen Krieg als Religionskrieg verrät dabei viel über das (westliche) Religions- und damit das Geschichts- wie Gegenwartsverständnis der beteiligten Rufer – ein Verständnis, in dem Religion entweder zur Privatsache verkleinert und als Konflikttreiber beschuldigt wird. In dem Religion als "Problem" gelabelt wird, das es zu überwinden gilt. Und die Geschichtsschreibung soll offenbar helfen, diese Rollenzuschreibung der Religion zu plausibilisieren: Religionsabwehr als Identitätsstifter, getreu den Vorgaben, die der damalige Bundespräsident Johannes Rau auf dem Historikertag 2002 gemacht hat: "Identität braucht Geschichte, und Geschichte braucht Identität."

Wer sich mit Geschichte befasst, befasst sich, so oder so, ja immer mit seinem eigenen Bild der Gegenwart. Das lässt sich hervorragend an den vielen Auseinandersetzungen mit dem Dreißigjährigen Krieg studieren, von Schillers Wallenstein-Trilogie (1799) über Alfred Döblins Wallenstein-Roman (1920), Ricarda Huchs Der große Krieg in Deutschland (1914) oder den Studien von Gustav Droysen – bis zu den eben erschienenen Gesamtdarstellungen von Herfried Münkler und Georg Schmidt etwa. Und dabei schneiden die jüngsten Bücher in Sachen Gegenwartskenntnis und kritischem Selbstverständnis eher schlecht ab.

Es ist ja bereits erstaunlich genug, wenn der Jenenser Historiker Georg Schmidt in seinem Buch (Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, C.H. Beck) allen Ernstes von der "fundamentalen religiösen Einheit des Abendlandes" spricht, die erst mit der Neuzeit aufgebrochen worden sei, als ob der Katholizismus im vorgeblich dunklen Mittelalter ein homogener Block gewesen wäre. Dass dann tatsächlich auch von einem "Siegeszug der Reformation" und noch immer von einem "reformatorischen Durchbruch" die Rede ist, was spätestens seit den Sechzigerjahren in der Reformationsforschung, vorsichtig ausgedrückt, als problematisch gilt – wen wundert’s. Die Forschungen der Kirchen- und Religionshistoriker Heiko A. Oberman, Scott H. Hendrix, Berndt Hamm oder Volker Leppin werden von der Allgemeingeschichte – nicht nur bei Schmidt – schlicht nicht zur Kenntnis genommen. Von Theologen glaubt man offenbar nichts lernen zu müssen.

Es geht dabei ja nicht lediglich um mangelnde Genauigkeit und den schludrigen Gebrauch von Begriffen. Obwohl man sich auch wundern muss, wie Schmidt vom Topos des Krieges als Strafe Gottes spricht, ohne irgend genauer auf theologische Differenzen einzugehen. Die vor allem von Augustinus und Thomas von Aquin durchdiskutierte Differenz zwischen einer rechten und falschen Furcht vor Gott wird einfach übergangen. Aber Andreas Bähr, der eines der besten aktuellen Bücher zum Dreißigjährigen Krieg geschrieben hat (Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg, Rowohlt Verlag), weist zu Recht darauf hin, dass es solche "theologischen Feinheiten" waren, die mit über Frieden und Krieg entschieden, zum Beispiel jene "Feinheiten", was unter Gottes Strafe (und seinem Willen) überhaupt zu verstehen ist.

Spezialwissen? Das Ausblenden derartiger "Feinheiten" hat grobe Folgen. Denn Schmidt behauptet am Ende ohne Umschweife, dass die Katastrophe des Krieges rückblickend zu einem Anfang werde: Der Krieg habe den "epochalen Umbruch" von der "biblischen Ordnung" zum "diesseitigen Wandel durch Vernunft" beschleunigt, er habe dem Westen also zu einem "Säkularisierungsschub" verholfen. Abgesehen davon, dass es für einen solchermaßen undialektisch genommenen Geschichtsverlauf weder empirisch noch ideengeschichtlich belastbare Daten gibt, wird damit der Mythos von der Moderne als bloßer Fortschrittsgeschichte bedient – mit der bemerkenswerten Pointe, dass die Erlösung von Religion geradewegs als Heilsgewinn gilt. Die Säkularisierungsthese in ihrer schlichtesten Form. Man kann sie nur bedienen, wie Luise Schorn-Schütte schon vor Jahren gezeigt hat, wenn man historischen Wandel im Namen der "Modernisierung" am Maßstab eines linearen Entwicklungsbegriffes begreift.

Von Theologen glaubt man offenbar nichts lernen zu müssen.

Das ergibt ein Gegenwartsbild, in dem die Religion als fremd, wenn nicht als störend, in jedem Fall aber als zu überwinden markiert wird. Und es ergibt ein Geschichtsverständnis, das der einstigen Erfurter Sägeprobe zu folgen scheint: Man sucht sich mit ihm selbst zu bestätigen – und glaubt offenbar zudem, mit Handgreiflichkeiten das Wesen der Vergangenheit enthüllen zu können.

Wahrscheinlich ist es symptomatisch, dass derlei in einem Jubiläumsjahr erscheint. Denn Jubiläengeschichten neigen dazu, identitätsuchende Ursprungsgeschichten zu sein. Sie können "vermutlich gar nichts anderes sein als Heilsgeschichten", wie der Mittelalterexperte Valentin Groebner in seinem neuesten Buch schreibt (Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen, S. Fischer): "Wer Erlösung in der Vergangenheit sucht, der findet sie auch."