Wenn man dazu bereit ist, Eduard von Keyserling als einen Modernisten zu lesen, dann wird man aufregende Entdeckungen machen in diesem Band. Doch die Avantgarde von Keyserling liegt nicht in den Handlungen seiner Erzählungen begründet, auch nicht in kühnen Thesen, in einem zukunftsweisenden Programm oder in einer neuen Auffassung von Wirklichkeit. Die Innovation von Keyserlings Erzählungen liegt darin, dass bei ihnen sämtliche Spannung und sämtliche Energie in die Sprache verlagert ist. Und die dennoch eben nicht, wie beim gleichzeitigen Expressionismus, zerbirst, die nicht zerfetzen will, nichts einreißen muss, die keinen Ekel verbreitet und keinen Hass. Nein, es geht alles ganz gesittet zu in Eduard von Keyserlings Prosa, ruhig und fast feierlich. Aber in der Sprache laufen die Gefühle heiß, in den Schilderungen der Natur zittern die Sehnsüchte.

Wieso wirken die Wiesen bei ihm sonniger als irgendwo sonst, die Schatten dunkler, die Himmel höher? Weil er nichts mehr sah. Und also alles vor seinem inneren Auge heraufbeschwören musste. Spätestens seit der Jahrhundertwende raubte ihm die Syphilis zunehmend das Augenlicht, ab 1905/1906 ist er nahezu blind und diktiert seine Erzählungen seinen beiden Schwestern, mit denen er in der Ainmillerstraße in München-Schwabing in einer kleinen Wohnung zusammenlebte. Die sinnliche Anschaulichkeit seiner Sprache, die zuvor schon hoch gewesen war, erlebte nach der Erblindung noch einmal eine Steigerung der Erzählung der Farbigkeit, der Gerüche, der Töne. Auch die ganze Pracht des Familienanwesens in Kurland war nur noch Imagination, ja eigentlich war die ganze Epoche des Adels in den östlichsten Zipfeln deutscher Hegemonie zuerst bei Eduard von Keyserling aus dem "Blickfeld" verschwunden – und erst dann, durch den Krieg, auch in der Wirklichkeit. So liegt die Modernität von Eduard von Keyserling eben auch daran, dass er eine Gegenwart bereits als Vergangenheit erinnert, obwohl seine Zeitgenossen noch an deren Zukunft glauben. Anders gesagt: Erst Eduard von Keyserlings Blindheit hat ihn sehend gemacht. Aus dem Schmerz über den Verlust des Gegenwartsempfindens hat er die Erinnerung zu einer gleichwertigen Wirklichkeitsebene gemacht.

Es waren, fast vor den Lesern zuerst die großen Kritiker und Schriftsteller, die die singuläre stille Kraft seiner Erzählungen rühmten. Ja, man scheut sich fast, noch etwas über Eduard von Keyserling zu schreiben, wenn man gelesen hat, wie Hermann Hesse schon 1909 die Charakteristika von dessen Prosa erkannt hat: Keyserling "versteht einen Sommernachmittag so zu beschreiben, dass man während seines Glühens und Verdämmerns das Gefühl des ganzen Lebens hat". Alfred Polgar findet eine sehr packende Formulierung für die fast implodierende Sinnlichkeit der Keyserlingschen Sprache: "Es ist eine Art Ektase, die sich selbst den Finger, Schweigen gebietend, an die geschlossenen Lippen legt." Rilke hat in einem Brief an seine Freundin Sidonie Nádherný, der er die Lektüre von Keyserlings Abendliche Häuser dringend nahelegt, dessen Stil so beschrieben: "Lesen Sie seinen jetzigen Roman, ich finde ihn besonders schön und bezeichnend für seine vornehme definitive Art zu sehen und zuzusehen." Sehen und Zusehen – in diesen zwei Worten ist vielleicht das ganze Geheimnis von Keyserlings Erzählen enthalten.

Es gibt einen kleinen Aufsatz von Eduard von Keyserling aus dem Jahre 1911, der einen bezwingenden Titel trägt: Das Leben ist ein Problem. Dies muss man sich immer bewusst machen, wenn man diese scheinbar problemlose Prosa liest, diesen Stimmungsimpressionismus, diese perlenden Dialoge: Keyserling glaubt an einen wissenden Leser, an einen Gesinnungsgenossen, dem er immer wieder zuzwinkert, weil er weiß, dass seine Erzählungen nur die sichtbaren Schaumkronen eines Lebens sind, das natürlich in Wirklichkeit voller Wellen steckt, voller Untiefen, voller Sand und voller versunkener Schätze. Das Leben ist ein Problem – aber es geht trotzdem immer weiter.

Wie soll man Keyserling lesen? Ich empfehle das Verschlingen

Schon Hermann Hesse rühmte Keyserling als den Meister der Dämmerung. Und es ist frappierend, wie es diese Zeit zwischen Tag und Nacht ist, die sein gesamtes Werk durchzieht, die aufgeladenen Schilderungen dieses Zwischenzustandes sind die geheimen Kraftzentren. "Die bleiche Dämmerung der Frühlingsnacht sank auf die dunklen Wipfel nieder", heißt es in Harmonie, "hier und da leuchtete ein weißer Birkenstamm aus dem Schwarz des Nadelholzes, darüber wurde der Himmel farblos und glasig." In der Landpartie von 1908 schreibt von Keyserling: "Der zu Ende gehende Tag über der weiten Ebene, die Musik der abendlichen Mücken, all das breitete, ich weiß nicht welche, enttäuschende Alltäglichkeit über diese Gesellschaft." Kann man die Wehmut eines missglückenden Abends sinnlicher und genauer beschreiben?

1914, gerade bricht der Krieg aus, da schreibt Keyserling in Nicky über diese blaue Stunde: "In der Villa jedoch blieb es still, die Dämmerung sank herab, ein Stück weißen Mondes hing am Himmel, auf den Wiesen stiegen die Nebel auf. Nicky ging langsam und sinnend nach Hause. 'Wundervoll muss es sein', dachte sie, 'solch eine große leidenschaftliche Klage in das Land hinausklingen zu lassen', aber sie, sie war ja nicht einmal unglücklich." Nicht einmal unglücklich – da ist Keyserling ganz auf der Höhe seiner Einfühlungs- und Beschreibungskunst. Der wirre Zustand, der Deutschland kurz vor Kriegsausbruch erfasst, er spiegelt sich in den Sehnsüchten der jungen Nicky, sie sehnt sich nach dem Unglück wie die jungen Männer nach der Erfahrung. "Unglücklichsein" als Mindestziel einer gelangweilten Generation, niemand kann das so kalt und so warm zugleich schildern wie Eduard von Keyserling. Er wusste sehr genau Bescheid über die Nuance, die die Sehnsucht nach dem Glück von der Sehnsucht nach dem Unglück scheidet. Und er hat, in seinen beiden Meisterwerken, in Wellen und Am Südhang, beschrieben, dass es manchmal die Erfüllung der Sehnsucht ist, die die Menschen am unglücklichsten werden lässt. Das macht ihn zu dem großen Anti-Utopisten der deutschen Literatur in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Und zu wirklicher Avantgarde.

Wie soll man Keyserling lesen? Ich empfehle das Verschlingen. Also nicht das Herantasten, das Ausprobieren. Sondern das Hineinspringen in diese Prosa, als wäre es ein sonnenbeschienener See an einem Spätsommertag. Man taucht ein, ist verwirrt, wie jäh sich kühle und warme Stellen im Wasser abwechseln, freut sich an den träge dahintreibenden Seerosen, an der Stille, an der Tiefe. Dann schwimmt man ein paar Züge und lässt sich auf dem Rücken treiben, endlos. Oben ein Bussard. Und eine Wolke. So sollte man Keyserling lesen. Und dann ans Ufer gehen, sich abtrocknen – und man wird sich für immer an dieses warme Spätsommerbad erinnern. Und sich künftig bei jeder Dämmerung fragen, wie Eduard von Keyserling sie wohl beschrieben hätte. Nachhaltiger kann Literatur nicht ins Leben eingreifen.

Gekürztes Nachwort aus Eduard von Keyserling: Landpartie. Gesammelte Erzählungen; hrsg. von Horst Lauinger; Manesse, München 2018; 28,– €, als E-Book 19,99 €