"Eine selbstständige islamische Baukultur" habe "sich nie entwickelt", findet Thilo Sarazzin. Unser Foto zeigt ein Detail der Alhambra in Spanien.

Seit bald zehn Jahren wird in Deutschland auf allen Kanälen über "den Islam" diskutiert. Verhindert er Integration? Unterdrückt er Frauen? Gefährdet er unsere Sicherheit? Befördert wurden diese nicht enden wollenden Diskussionen unter anderem durch Thilo Sarrazins 2010 erschienenen Bestseller Deutschland schafft sich ab, in dem der Autor allerlei Befunde zu Migration, Geburtenraten und Intelligenzquotienten zum Szenario einer existenziellen Bedrohung verdichtete. Zwar spielten Muslime und, natürlich, Kopftuch tragende Musliminnen in diesem Bedrohungsszenario bereits eine tragende Rolle, aber auf die eigentlich religiösen Grundlagen des Islams ging Sarrazin in diesem Buch noch nicht ein. Es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis er das nachholen würde. Schließlich kommt schon seit Jahren kaum eine Islamdebatte ohne einen Experten aus, der "den Koran gelesen" hat und daher ganz genau weiß, wie es sich mit dem Islam verhält. In dieses Muster reiht sich nun auch Thilo Sarrazin ein. In einer überwältigenden Vortäuschung von Sachlichkeit präsentiert er die Begründung dafür, warum das in Deutschland schafft sich ab geschilderte Schreckgespenst auf nichts anderes als den Islam zurückgehe.

Thilo Sarrazin hat also ebenfalls "den Koran gelesen". Er hat ihn für "schlicht", "ungeordnet", "emotional" und "wenig abstrakt" befunden, kurz: Er hat erkannt, dass der Koran kein Mathematikbuch ist. So gerüstet, schickt er sich an zu erklären, warum Musliminnen und Muslime gar nicht anders können, als Scharen von Kindern in die Welt zu setzen, mit Verachtung auf Ungläubige herabzusehen sowie Bildung und Kultur weit von sich zu weisen. Zur Untermauerung solcher stetig wiederholter Kernaussagen führt er eine Anhäufung von Zitaten, historischen, politischen und demographischen Informationen an.

Ob all diese Informationen exakt zutreffen oder nur ungefähr oder nur, wenn man sie aus dem Kontext reißt, oder vielleicht gar nicht, scheint dabei nachrangig zu sein. Dass es von Fehlern wimmelt, von denen die Angabe, der Koran habe 113 – statt 114 – Suren einer der peinlicheren ist, ist offenbar weder ihm noch seinem Verlag aufgefallen; das Unterfangen, auch nur die schwerwiegenderen Ungereimtheiten erschöpfend aufzulisten, wäre im Rahmen einer Zeitungsrezension aussichtslos. Trotz fleißigen Faktensammelns misslingt es Sarrazin zudem, auch nur ansatzweise in die Themen einzudringen, über die er schreibt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihn keines davon – weder der Koran noch die islamische Geschichte, noch die von ihm so hochgehaltene europäische Kultur – wirklich interessiert.

Denn Sarrazin geht es nicht um ein Verständnis der islamischen Geschichte, es geht um europäische Selbstvergewisserung. Europa ist für ihn der wesenhaft moderne Gegenpol zu einem ebenso wesenhaft rückschrittlichen Islam. Die beiden Pole erscheinen ihm so unvereinbar, dass er bei seinem Streifzug durch die islamische Welt vom subsaharischen Afrika bis Zentralasien alle nur denkbaren Regionen erwähnt, nicht aber Bosnien, Albanien und den Kaukasus. Eine historische Präsenz von Muslimen in Europa ist mit einem Weltbild, in dem der Islam die Antithese zu Europa darstellt, nicht vereinbar.

Für Sarrazin sind Muslime immer Täter

Geradezu grotesk wird es, wenn Sarrazin der islamischen Welt bescheinigt, sie zeichne sich durch "ungeheure Verarmung" und "Verödung der Künste" aus. "Eine selbstständige islamische Baukultur" habe "sich nie entwickelt". Hat er eigentlich einmal von der Alhambra gehört? Aber für Sarrazin ist Kultur nur dann Hochkultur, wenn sie europäischen Formen und Stilen entspricht. Wo keine Romane geschrieben, Sinfoniekonzerte aufgeführt und Skulpturen geformt werden, da ist auch keine Kultur. Die ungemein reichhaltige Tradition der arabischen Dichtung kennt Sarrazin ebenso wenig wie die blühende ägyptische Populärmusikszene; er will sie auch gar nicht kennen. Schließlich, so postuliert er, habe es in der islamischen Welt gar keine interessante Literatur- und Kunstproduktion geben können, da immer strikte Geschlechtertrennung geherrscht habe und daher anregende soziale Situationen ausgeschlossen gewesen seien. Er sollte einmal eine unzensierte Ausgabe der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht lesen.

Für Sarrazin sind Muslime immer Täter, nie Opfer. Selbst am Massaker von Srebrenica ist nach Sarrazins Ansicht der Islam schuld: "Der ... im Jugoslawischen Bürgerkrieg ausgebrochene Hass zwischen Serben und Muslimen hatte seine Wurzel in der 400 Jahre währenden Gewalterfahrung während der osmanischen Herrschaft." Gewalterfahrungen durch europäische Imperien wie etwa Österreich-Ungarn kommen in Sarrazins Weltbild nicht vor, das überhaupt von blinden Flecken wimmelt. Das ist besonders frappierend, weil er gleichzeitig ausgiebig die blinden Flecken anderer beklagt. Er pflegt das aus dem deutschen Islamdiskurs bekannte Lamento, niemand nehme die von ihm angesprochenen Probleme zur Kenntnis – niemand außer einem kleinen gallischen Dorf unbeugsamer Islamkritiker. Außer diesen "Islamkritikern ohne Scheu vor Benennungsverboten" gibt es für Sarrazin nur Naivlinge ("tumbe Toren"), Ideologen oder Opportunisten. Rechts von den Islamkritikern findet sich in Sarrazins Weltbild bezeichnenderweise: nichts. Terrorismus gibt es nur bei Muslimen. Vor dieser muslimischen Gefährdung verschließe die Öffentlichkeit die Augen. Tatsächlich observiert im Deutschland des Jahres 2018 der Verfassungsschutz die islamistische Szene intensiv. Islamkritische Bücher sind Bestseller; Talkshows zu Islam- und Migrationsthemen laufen permanent im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dass Zwangsehen, Ehrenmorde und Mädchenbeschneidung empörende gesellschaftliche Missstände sind, ist praktisch Allgemeinwissen, und dass der Islam daran schuld sei, keine Meinung, die man aufgrund ihrer Seltenheit unter Artenschutz stellen müsste.

Zerrbild islamischer Religion

Sarrazin zeichnet somit nicht nur ein Zerrbild islamischer Religion und der Geschichte muslimisch geprägter Gesellschaften; er zeichnet auch ein Zerrbild desjenigen Europas, das er zu schützen antritt. Die europäische Moderne hat aus seiner Sicht keine Schattenseiten. Der Kolonialismus kommt allenfalls am Rande, als Segen für die kolonisierten Völker, vor. Für Sarrazin ist die Säkularisierung in Europa nicht ein Ergebnis jahrhundertelanger Machtkämpfe gegen den Widerstand der Kirchen, sondern sie ist im Christentum bereits angelegt. Europa hat in seinem Geschichtsbild nahtlos den Übergang von der Antike in die Neuzeit vollzogen. Das europäische Mittelalter hat er aus seiner Wahrnehmung verdrängt; sonst würde er sich wohl kaum zu der grotesken Behauptung versteigen, bei der Bibel sei es – im Gegensatz zum Koran – "zu keiner Zeit nötig" gewesen, "die Gefährlichkeit des Textes dadurch zu kontrollieren, dass man die Massen der Gläubigen von seiner Interpretation ausschloss".

Ohnehin ist das Christentum Sarrazins Stärke nicht. So behauptet er ernsthaft: "Jesu Wort 'Liebe deinen Nächsten wie dich selbst' umfasst ja nicht die ganze Menschheit, sondern zielt auf das jeweilige persönliche Umfeld ab. Anders konnte Nächstenliebe auch nie gelebt werden ..." Hätte sich Sarrazin die Mühe gemacht, dieses Zitat mit der Bibel abzugleichen, dann wäre ihm aufgefallen, dass es nicht aus dem Neuen Testament, sondern aus dem Buch Leviticus (19,18) stammt und dass Jesus es in der Bergpredigt, einem nicht ganz unbedeutenden Text der europäischen Geistesgeschichte, explizit um die Liebe zu den Feinden ergänzt hat – aus Sarrazins Sicht vermutlich eine gänzlich unlogische und unrealistische Erwartung. Aber er hat ja generell ein Problem mit Religionen, jedenfalls mit monotheistischen. Vieles von dem, was er dem Islam vorwirft, könnte er dem Judentum und Christentum ebenso vorwerfen. Und so ist es nur folgerichtig, dass er die Vorrechte der Kirchen abschaffen möchte. Aber ist es deswegen gleich nötig, Begriffe wie "Religionsfreiheit" und "Gleichbehandlung" konsequent in Anführungszeichen zu setzen, als handle es sich dabei um lächerliche, gefühlsselige Konstrukte und nicht um Bestandteile derjenigen Menschenrechte, die er gegen den Islam verteidigen möchte?

Sarrazins zentrales Denkraster ist die Demografie

Dieser Islam ist nach Sarrazins Auffassung wesensgleich mit dem Koran, dessen Kern "Perversion" sei. Er beharrt penetrant darauf, den unmissverständlichen Sinn des Textes erfasst zu haben, und zwar durch die "vorurteilsfreie" Lektüre einer Übersetzung. Diese vermittelt naturgemäß eine Eindeutigkeit, die dem Originaltext nicht innewohnt. Nicht einmal die Übersetzung des koranischen Begriffs muslim ist trivial. Der von Sarrazin gewählte Übersetzer Rudi Paret, ein anerkannter Orientalist, war sich dieses Problems wohl bewusst und versah daher seine Koranübersetzung mit etlichen Klammern und Fragezeichen, die Sarrazin konsequent aus seiner Wiedergabe tilgte. Mit Mehrdeutigkeit hat er offensichtliche Schwierigkeiten, ebenso wie mit der hermeneutischen Binsenweisheit, dass eine Ausklammerung des Vorverständnisses des Lesers gar nicht möglich ist.

Er konzentriert sich in seiner Lektüre auf kriegerische Verse, Abgrenzungen gegenüber den Ungläubigen und Geschlechterhierarchien. All diese Verse sind in nicht geringer Zahl Bestandteil des Korans. Es gibt aber auch viele Aussagen im Koran, die im Widerspruch zu ihnen stehen oder auf andere Deutungsmöglichkeiten verweisen. Sarrazin überliest solche Passagen konsequent. Er hat keinerlei Interesse an der Entstehungsgeschichte des Korans, an der breiten Auslegungstradition und an zeitgenössischen exegetischen Kontroversen. Schlimmer noch: Ihm ist nicht im Geringsten klar, in welchem Maße muslimische Religiosität über den Koran hinausgeht. Nicht einmal die berühmten "fünf Säulen des Islams" – Glaubensbekenntnis, rituelles Gebet, Almosengeben, Fasten und Wallfahrt nach Mekka – ergeben sich in dieser Zahl und Zusammenstellung, geschweige denn ihren genauen Abläufen, unmittelbar aus dem Koran. Der Muslim, der jeden einzelnen Aspekt seines Lebens nach dem Koran ausrichtet, ist ein salafistischer Mythos. In seiner gelebten Praxis setzt sich der Islam unter anderem zusammen aus einer komplexen Rechtstradition, für die der Koran nur eine von vielen Quellen war, und einer ausgeprägten, gesellschaftlich über Jahrhunderte dominanten islamischen Mystik, die am Wortsinn der Schrift wenig Interesse hat. Sarrazins Desinteresse an islamischer Religion ist so groß, dass er all das ignoriert, obwohl es jeder Einführung in den Islam zu entnehmen wäre.

Offenkundiges Wohlwollen für Militärdiktatoren

Nun ist der Koran offensichtlich nicht so eindeutig, wie Sarrazin postuliert, denn pluralistische, frauenfreundliche Auslegungen gibt es heute in großer Zahl. Richtig ist allerdings, dass deren Verfechter es in vielen muslimischen Mehrheitsgesellschaften schwer haben. Und die Frage, warum das so ist, ist durchaus berechtigt. Ist der Islam zu Meinungsfreiheit und Demokratie nicht fähig? Sarrazin zufolge ist er es nicht. Die Glaubwürdigkeit seines Bedauerns über diese Tatsache wird etwas getrübt durch sein offenkundiges Wohlwollen für Militärdiktatoren. In einem Rundumschlag von Westafrika bis Indonesien diagnostiziert er zu Recht verheerende Defizite mit Bezug auf wirtschaftliche Entwicklung, Bildung und Menschenrechtslage. Dies ist allerdings kein Befund, der sich für einfache Erklärungen eignet, und schon gar nicht ist es sachdienlich, sich ihm von vornherein mit einer "Islambrille" zu nähern, die andere Faktoren als die Religion kategorisch ausblendet. Selbst wenn man in einer Gesellschaft die Dominanz eines konservativen Religionsverständnisses feststellen kann, ist damit noch lange nicht geklärt, ob es die Ursache oder die Folge von gesellschaftlichen und politischen Defiziten ist.

Sarrazin suggeriert, dass in muslimischen Gesellschaften politische Herrschaft ohne strikte Einhaltung islamischer Gebote nicht möglich sei. Für die allermeisten vormodernen muslimischen Gemeinwesen ist dies schlicht unzutreffend; von Theokratien waren sie denkbar weit entfernt. Selbst die Durchsetzung des koranischen Alkoholverbots war eine Ausnahme. Die Feststellung ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass islamische, ja islamistische Motive eine zentrale Rolle in der Rhetorik und Symbolpolitik vieler heutiger muslimisch geprägter Regime spielen. Die "Kairoer Erklärung der Menschenrechte", die die Menschenrechte unter einen Scharia-Vorbehalt stellt, ist ebenso wie die von Sarrazin gern zitierten Äußerungen eines Recep Tayyip Erdoğan Teil des Bildes des gegenwärtigen Islams. Das schließt auch den Dschihadismus ein, der selbstverständlich keineswegs "mit dem Islam gar nichts zu tun hat". Im 20. Jahrhundert ist der Islamismus zum zentralen Motiv populistischer Herrschaftslegitimation geworden, zum Identitätsmarker und Mobilisierungsfaktor sowohl von Regierungen als auch der Opposition gegen zumeist korrupte, nicht demokratisch legitimierte Regime, die erheblich zur Radikalisierung des Islamismus beitrugen. Nach dem Scheitern sozialistischer und nationalistischer Fortschrittsversprechen, das für die arabische Welt vor allem in der Niederlage im Sechstagekrieg 1967 ihren Ausdruck fand, war es der Islam, der Authentizität und eine Rückkehr zu Reinheit und "Werten" verhieß.

Selektive Statistiken

Sarrazins zentrales Denkraster ist allerdings nicht die Politik, sondern die Demografie, die ihm weit mehr liegt als die Koranlektüre, denn hier geht es um Zahlen. Nur beruhen auch Zahlen auf Selektions- und Deutungsmustern. Überprüft man Sarrazins Angaben im Einzelnen, dann wird schnell deutlich, dass seine Analyse alles andere als ergebnisoffen ist. So führt er wiederholt die Nettoreproduktionsrate mehrheitlich muslimischer Länder des subsaharischen Afrikas an, ohne zu erwähnen, dass es um mehrheitlich christliche Länder dieser Region wie etwa die Demokratische Republik Kongo nicht besser bestellt ist. Seine selektiven Statistiken ergänzt Sarrazin darüber hinaus noch um die unzutreffende Behauptung, dass in Ländern wie Tansania, Nigeria und Äthiopien die muslimische Minderheit zu einer Mehrheit geworden sei. So lässt sich muslimische Gebärfreude trefflich belegen.

Der Islam tritt bei Sarrazin fortwährend als handelndes, entscheidendes und denkendes Subjekt auf. Die Muslime bezeichnet er als "Umma-Kollektiv", unfähig, sich als Individuen zu betrachten. Der Koran diskriminiere Frauen, und deswegen diskriminierten Muslime zwangsläufig ebenfalls Frauen. Nun hat er ja recht mit der Einschätzung, dass in praktisch allen mehrheitlich muslimischen Ländern die rechtliche und gesellschaftliche Situation von Frauen prekär ist. Allerdings fragt sich, wie ernst es einem Autor mit den Frauenrechten ist, der die Ausbeutung von Textilarbeiterinnen in Bangladesch positiv bewertet, nur weil sie die Nettoreproduktionsrate senkt. Zudem scheint ihm entgangen zu sein, dass weder in Europa noch in dem von ihm so viel gelobten Indien die religiös legitimierte Entrechtung von Frauen oder gar Gewalt gegen sie unbekannte Phänomene sind. Damit ist nicht gesagt, dass die spezifischen Formen und Ausprägungen der Unterdrückung von Frauen in mehrheitlich muslimischen Ländern zu verharmlosen seien. Sie aber allein als Konsequenz der Aussagen eines Textes aus dem 7. Jahrhundert zu verstehen, dem in anachronistischer Weise angekreidet wird, dass er nicht die Gleichberechtigung von Mann und Frau propagiert, ist weder sinnvoll noch konstruktiv. Denn damit erklärt man das Problem für praktisch unlösbar – es sei denn, die Muslime verschwänden vom Erdboden oder gäben geschlossen ihre Religion auf. Wer Muslime nur als Koran-Automaten wahrnehmen kann, dem bleiben nur diese beiden Optionen des Umgangs mit ihnen.

Thilo Sarrazin: "Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht", FBV, München 2018, 496 S. 24,99 €