Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Kürzlich war ich bei einer Weinprobe. Runde für Runde probierten wir uns erst durch die Weiß-, dann die Roséweine, bis die Verkostung mit einem Spätburgunder ihr Ende fand. Nach diesem beinah liturgisch zu nennenden Prozedere konnte man dann auch ganze Gläser trinken, Zwiebelkuchen essen und zur Musik der Dixieland-Kapelle mit dem Fuß wippen. Das Ganze fand auf dem Vorplatz einer Kirche statt, organisiert von der Stiftung der Kirchengemeinde. Natürlich waren die älteren Damen da, die zu jeder Veranstaltung gehen, aber eben auch Laufkundschaft aus der Nachbarschaft, Eltern, deren Kinder auf der angrenzenden Wiese spielten, und Konfirmanden. Ein kleines, feines Fest unterm Kirchturm – ohne dass eine Mitarbeiterin verabschiedet oder ein Jubiläum begangen wurde.

Es könnte in, mit und vor der Kirche noch viel öfter ebenso gefeiert werden: offen und einladend für alle und vor allem zweckfrei. Einfach, weil es das Herz erfreut. So, dass Menschen, die zufällig daran vorbeigehen, auf den Spaß aufmerksam werden, den die Feiernden haben, und sich vielleicht selbst auf ein Glas dazustellen. Gefeiert wird in der Kirche zwar sehr regelmäßig, nämlich Abendmahl oder Weihnachten. Für diejenigen, die Sätze wie "Wir feiern Gottesdienst" nicht in ihrem aktiven Sprachgebrauch haben, fängt das Feiern erst nach dem Kirchgang an. Die Familienfeiern, die anlässlich von Hochzeiten oder Konfirmationen stattfinden, werden größer und pompöser. Im Vergleich dazu wirkt der Gottesdienst eher wie ein Präludium. Die Kirche und das Feiern scheinen mitunter voneinander entkoppelt zu sein, obgleich Erstere aus Letzterem entstanden ist. Jesus selbst handelte sich den Ruf eines Fressers und Weinsäufers ein, weil er offenbar oft mit Zöllnern, Jüngerinnen und Fremden zusammen das Leben gefeiert hat. Unverzweckt, aber mit großer Wirkung. Zweitausend Jahre später teilen Christinnen und Christen in aller Welt immer noch Brot und Wein miteinander. Wie fröhlich darüber hinaus noch miteinander gefeiert wird, ist regional recht unterschiedlich. Dabei ist eine biblische Metapher für das Himmelreich, genau, ein Festmahl.

Ich wünsche mir mehr Feste, auch mal zwischendurch oder spontan. Und ich wünsche mir für die Kirche eine Kultur des Feierns. Dazu braucht es Gastfreundschaft, Kreativität und den Mut, auch mal etwas anderes auszuprobieren, als in dem nach Bohnerwachs riechenden Gemeindehaus Torten zu essen. Viel Geld braucht es sicher nicht, denn die besten Partys waren im Studium doch die, wo man das vegetarische Chili verlängern musste, weil mehr Leute kamen als geplant. Zu was für einem Fest würde ich selber gerne eingeladen werden? Und wie müsste eine Feier aussehen, zu der ich noch Freunde mitbringe? Die Weinprobe rangiert da schon recht weit oben. Zum Wohl!