Ismail hat an diesem Sonntag schon frühmorgens zu sich in seine Einzimmerwohnung in einem Außenbezirk der südtürkischen Stadt Gaziantep gebeten. Er könne eh schlecht schlafen, schrieb er über WhatsApp. "Mein Körper hat sich in den vergangenen zwei Jahren, seitdem ich mit meiner Familie in der Türkei lebe, an wenig Schlaf gewöhnt", sagt Ismail, ein Syrer aus Aleppo. "Ich schleppe von drei Uhr morgens bis zehn Uhr abends fünf Tage die Woche Gemüsekisten auf dem Markt, stelle Tische auf, trage Kunden ihre Einkäufe hinterher." Er hebt seine beiden Hände hoch, so als wolle er sich ergeben. Seine Fingernägel sind über die Monate von der Erde frisch geernteter Kartoffeln und Karotten schwarz gefärbt, tiefe, verhornte Wunden haben sich entlang seiner Handflächen breitgemacht. Die Arbeit auf dem Markt, sie ist anstrengend und prägend. Aber nicht deshalb wolle er reden. Ein anderer Frust sitzt auf seiner Seele: die deutsch-türkische Migrationspolitik. Ismail schließt das Fenster bevor er anfängt zu erzählen.

Wegen der harten Arbeit beschloss er im vergangenen April, etwas in seinem Leben zu verändern. Er kündigte bei seinem türkischen Chef auf dem Gemüsemarkt und registrierte sich bei einem Qualifizierungsprogramm der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kooperation mit der Industriekammer der Stadt Gaziantep, wo mittlerweile Hunderttausende syrische Flüchtlinge leben. "Ich habe auf Facebook vom Ausbildungsprogramm erfahren und fand die Idee sehr gut", sagt Ismail.

Das Trainingsprogramm der GIZ in Gaziantep soll syrische Staatsbürger auf den türkischen Arbeitsmarkt vorbereiten. So erklärt es das zuständige Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) in einer Broschüre. Syrische Frauen und Männer lernen einen Monat lang die türkische Sprache und einen weiteren Monat, zusammen mit türkischen Bedürftigen, ein Handwerk ihrer Wahl, Metallverarbeitung etwa oder Textil- oder Schmuckproduktion. Danach sollen sie dann in Jobs vermittelt werden. Dafür erhalten die Teilnehmer ein Stipendium von 1600 türkischen Lira, umgerechnet 220 Euro. Theoretisch zumindest. Denn Ismail hat einen Teil des versprochenen Geldes nicht bekommen.

Die ZEIT hat neben Ismail mit fünf weiteren ehemaligen Teilnehmern des Programms gesprochen, auch sie behaupten, dass sie zu wenig oder gar kein Geld erhalten haben. Fragt man in der großen syrischen Community in Gaziantep nach, kennt jeder jemanden, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

Werden syrische Geflüchtete in der Türkei von deutschen Institutionen und ihren türkischen Partnern betrogen?

Seit 2016 bemühte sich vor allem die deutsche Bundeskanzlerin um einen Flüchtlingsdeal mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Zusätzlich zu den deutschen Entwicklungsprojekten in der Türkei fädelte Angela Merkel im Jahr 2016 über die Europäische Union ein Abkommen ein, das der Türkei drei Milliarden Euro einbrachte. Das Geld sollte syrischen Flüchtlingen zugutekommen. Im März wurden die Zusagen auf insgesamt sechs Milliarden Euro bis Ende 2020 erhöht. Erdoğan sorgt im Gegenzug dafür, dass keine Flüchtlinge mehr von der Türkei aus in die Europäische Union gelangen.

Das GIZ-Projekt in Gaziantep, das es so ähnlich auch in anderen Regionen der Türkei gibt, startete wenige Woche nach Inkrafttreten des Flüchtlingsdeals.

Ismail heißt eigentlich anders. Der ZEIT ist der wahre Name des 30-Jährigen bekannt. Er fürchtet allerdings, dass er Probleme mit den türkischen Behörden bekommen könnte, falls er mit Klarnamen in einer deutschen Zeitung auftaucht. Ismails Frau serviert zum Frühstück Rührei mit Kumin, gegrillte Aubergine, Instantnudeln und syrisches Fladenbrot. Das kleine Zimmer, in dem das Ehepaar mit seinen beiden kleinen Kindern wohnt, ist kahl und stickig. 70 Euro muss es dafür pro Monat an Miete zahlen.

Ismail hat von dem versprochenen GIZ-Stipendium lediglich 800 Lira erhalten. 800 zusätzliche türkische Lira müsste der Familienvater aus Aleppo noch für seine Teilnahme an der zweimonatigen Ausbildung bekommen, also 110 Euro. "Ich werde das Geld wohl nie sehen", sagt er. Ein Mitarbeiter der Industriekammer, erzählt er, habe ihm und fünf weiteren Teilnehmern aus seinem Kurs am letzten Tag der Ausbildung gesagt, dass es kein Geld mehr für sie gebe. Ohne Begründung. "Er hat uns angeschrien und weggeschickt."

Viermal habe er seitdem versucht, zu seinem Recht zu kommen. Vergeblich. Denn die syrischen Teilnehmer am Programm erhalten keine Verträge, keine schriftlichen Zusagen, keine Rechtssicherheit. Alle sechs syrischen Gesprächspartner der ZEIT in Gaziantep erzählen, dass ihnen von türkischen Mitarbeitern der Industriekammer zwar Ausbildungsgeld versprochen worden sei, so wie in der deutsch-türkischen Kooperation vorgesehen. Bekommen hätten sie in vier Fällen allerdings gar nichts, zwei sollen lediglich die Hälfte erhalten haben.

Neben dem Geld warten alle bis heute auch auf die versprochenen Arbeitsplätze. Ein Syrer erzählt, dass er nach dem Kurs in einer türkischen Nähfabrik gearbeitet habe. Nach drei Wochen Schuften hätte ihn der Besitzer der Fabrik nach Hause geschickt. Ohne Lohn.

Hätte Ismail, statt die achtwöchige Ausbildung zu absolvieren, weiter auf dem Gemüsemarkt gearbeitet, hätte er 2000 türkische Lira, 280 Euro, verdient. "Ich bin wieder im Gemüsegeschäft. Die Arbeit ist hart, ich kann damit allerdings meine Familie ernähren. Mein türkischer Chef auf dem Markt versucht mich auch oft übers Ohr zu hauen, seine Zahlungsmoral ist aber besser als bei den deutschen und den türkischen Behörden", sagt Ismail.