Christoph Debus ist Vorstandsvorsitzender von Thomas Cook Airlines, zu der auch die deutsche Condor gehört.

In gut einem halben Jahr werden die Briten aus der Europäischen Union (EU) austreten. Doch welche Auswirkungen wird das auf den Flugverkehr von und nach Großbritannien haben? Das ist im Detail noch unklar, aber mit Blick auf die fortgeschrittene Zeit und die hohe Komplexität des Themas muss dringend eine rechtsverbindliche Regelung getroffen werden – im Interesse der Airlines ebenso wie in dem der Passagiere.

In Europa sind beide betroffen, denn mit dem Brexit wird Großbritannien zum Drittland, und der Zugang zum europäischen Luftverkehrsbinnenmarkt muss neu geregelt werden. Unvorstellbar scheint, dass nach dem 29. März 2019 der Flugverkehr mit Großbritannien ernsthaft eingeschränkt werden könnte. Seit 2002 hat sich der EU-Flugverkehr mehr als verdoppelt. 2016 meldeten die Briten knapp 250 Millionen Flugpassagiere – gut ein Viertel aller Fluggäste in der EU. Mit 76 Millionen Reisenden pro Jahr ist London Heathrow das größte Drehkreuz Europas.

Bis zum Brexit kommen den Passagieren die rechtlichen Rahmenbedingungen und Sicherheitsvorschriften der EU zugute. Und dann? Noch besteht die Chance, dass rechtzeitig eine Austrittsvereinbarung getroffen wird, die eine Übergangsregel ermöglicht. Ein guter Ausgangspunkt wären die Vorschläge, die die britische Regierung im Juli gemacht hat. Sie erklärt die Absicht, die "Konnektivität, die Auswahl und das Preis-Leistungs-Verhältnis zu schützen, das die Verbraucher im Vereinigten Königreich und in der EU heute genießen".

Die Zukunft des europäischen Luftverkehrs hängt von der Antwort auf drei Fragen ab.

Erstens: Was geschieht mit den Eigentumsregeln für Fluggesellschaften? Das europäische Recht verlangt, dass Fluggesellschaften zu mindestens 50 Prozent plus einer Aktie von Eigentümern aus der EU gehalten werden müssen, um auf dem europäischen Luftverkehrsbinnenmarkt agieren zu können. Der Brexit hätte gewaltige Konsequenzen für britische Airlines. Und auch für solche, die dann nicht mehr mehrheitlich in europäischer Hand sind.

Zweitens: Was passiert mit den Verkehrsrechten? Diese gelten innerhalb der EU einheitlich für alle Mitgliedsstaaten und regeln im Wesentlichen, wohin und wie viel geflogen werden darf. Nach einem Austritt müssten diese Rechte für alle Fluggesellschaften, die nach Großbritannien fliegen, neu verhandelt werden.

Drittens: Können die Briten Mitglied der Europäischen Agentur für Flugsicherheit bleiben und damit die einheitlich hohen EU-Sicherheitsstandards in der Luftfahrt garantieren?

Ende August hat die britische Regierung begonnen, ihre Pläne für den Fall eines Scheiterns der Austrittsverhandlungen zu veröffentlichen. Diese No-Deal-Pläne zeigen, dass das Vereinigte Königreich sich selbst im Fall eines harten Brexits weiter an europäischen Regeln und Standards orientieren will, um eine Kontinuität zu erhalten. Noch ist kein expliziter No-Deal-Plan für den Luftverkehr veröffentlicht worden. Doch ich hoffe und bin zuversichtlich, dass es gerade in diesem Bereich möglichst wenige Einschränkungen geben wird. Auch die Europäische Kommission hat im Rahmen ihrer Vorbereitungen für einen No-Deal-Brexit erklärt, dass sie ein Luftverkehrsabkommen mit dem Vereinigten Königreich schließen wird, um die Konnektivität, also die Anbindung an das internationale Luftverkehrsnetz, und Sicherheitsstandards zu gewährleisten. Die heutige Konnektivität in Europa ist auch ein Zeichen von Freiheit. Um sie zu erhalten, brauchen wir nun schnelle, pragmatische und rechtsverbindliche Lösungen. Ich appelliere an die politischen Entscheidungsträger, möglichst rasch die offenen Punkte zu klären und ein Flugverkehrsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU abzuschließen.