Die Professorin Éva Fodor über Genderforschung in Ungarn

DIE ZEIT: Éva Fodor, die ungarische Regierung will Ihren Lehrstuhl abschaffen. Sie plant, die Gender Studies an den ungarischen Unis zu verbieten. Wie geht es Ihnen?

Éva Fodor: Es ist ein Schlag ins Gesicht. Auch wenn die ungarische Verfassung diese Art politischer Einflussnahme ermöglicht, darf eine Regierung sie niemals ausüben. Es ist ein Verstoß gegen den freien Geist der Wissenschaft.

ZEIT: Die Regierung argumentiert wirtschaftlich. Sie sagt: Es gebe auf dem Markt kein Bedarf für "Genderologen".

Fodor: Für dieses Argument gibt es keine statistischen Belege. Unsere Absolventen kommen auf dem Arbeitsmarkt wunderbar unter. Die Regierung ist allein besorgt, dass die Geschlechterforschung es erlaubt, über ein anderes Weltbild nachzudenken als jenes, das sie propagiert.

"Die Regierung spricht nicht mit uns."
Éva Fodor, Professorin für Gender Studies in Budapest

ZEIT: Die Orbán-Regierung bezeichnet sich als "konservativ", sieht klare Rollenunterschiede zwischen Mann und Frau.

Fodor: Deswegen wäre die Verbannung von Gender Studies auch nur ein weiterer Schritt der Regierung im Kampf gegen alles, was sie für liberal hält. Doch die Geschlechterforschung wird in vielen Disziplinen unterrichtet, in Geschichte, Soziologie, Literatur. Die Regierung kann zwar das Programm eliminieren, aber niemals sein Wissen.

ZEIT: Was können Sie gegen den Plan tun?

Fodor: Kaum etwas, die Regierung spricht nicht mit uns. Von den Entwicklungen erfahren wir aus den Medien. Mittlerweile fühlen wir uns wirklich isoliert. Wir versuchen vermehrt, für die Gender Studies zu werben: sprechen in der Öffentlichkeit, posten auf Facebook, publizieren noch mehr Schriften.

ZEIT: Die Regierung geht seit Jahren gegen Ihre Uni, die Central European University, vor. Sie hat ein Gesetz verabschiedet, das von ausländischen Hochschulen verlangt, einen Campus im jeweiligen Herkunftsland zu haben. Sie sind der Bedingung nachgekommen, nun warten Sie seit einem Jahr darauf, dass die Regierung Ihren Vertrag unterschreibt. Haben Sie noch Hoffnung?

Fodor: Wenn die Regierung nicht bis Ende des Jahres unterschreibt, heißt das, dass wir in Ungarn keine Studenten mehr einschreiben dürfen. Für gar keinen Studiengang. Wir haben jetzt unseren Campus in Wien eröffnet, für den Fall, dass wir umziehen müssen.

ZEIT: Sollte Orbán unterschreiben: Würden Sie bleiben, trotz allem, was passiert ist?

Fodor: Wir wollen in Budapest arbeiten, auch wenn unsere Freiheit beschränkt bleibt. Das wird hart. Aber wir wollen es probieren.

ZEIT: Sie sagen all das als Bürgerin eines Landes, das Mitglied in der EU ist ...

Fodor: Ja, und ich verstehe nicht, wie es unserer Regierung möglich ist, so unverhohlen gegen die europäischen Werte vorzugehen. Dass die EU das nicht stoppen kann oder will, zeigt ihre große Schwäche. Seit Monaten liegt unser Fall beim Europäischen Gerichtshof vor. Wenn der endlich entschiede, dass das ungarische Hochschulgesetz verfassungswidrig ist, wäre das eine klare Botschaft an Orbán: So nicht.