Zwischen kniehohen Reispflanzen steht Gregor Neumeyer auf seinem Acker. Er nimmt eine Rispe in die Hand und betrachtet sie prüfend. "Geht schon, oder?" Sicher ist er sich nicht. Es ist Ende August, und überall fragen sich Bauern, ob sie jetzt ernten oder lieber noch ein, zwei Wochen warten sollen. Auch Neumeyer, der gerade seine Felder vor Wien abfährt.

Der Reisbauer sieht nicht so aus, wie man sich einen Landwirt vorstellen würde. Der schlanke 30-Jährige trägt T-Shirt und Sneakers, um Kinn und Oberlippe lässt er sich einen Bart stehen. Das passt zu seinem gelernten Beruf: Gregor Neumeyer ist IT-Fachmann, der erst vor zwei Jahren den elterlichen Hof im Nebenerwerb übernahm. Und dabei beschloss, ausgerechnet Reis anzubauen, der sonst nur selten im Land wächst. Seitdem pendelt er zwischen zwei Welten: der Welt der gläsernen Großraumbüros, wo man in Meetings um Zahlen feilscht. Und der Welt, in der Männer knietief im Staub stehend darüber fachsimpeln, ob die Halme noch zu grün sind.

Gerasdorf, wo sich Neumeyers Hof befindet, ist nicht mehr Wien, aber auch noch nicht so richtig Niederösterreich. Hinter einer denkmalgeschützten Scheunenstraße breitet sich das Marchfeld aus, wo sich Feld an Feld reiht, wo Getreide und Gemüse für die Millionenstadt und ihr Umfeld angebaut wird. Die Monatskarte der Wiener Linien gilt hier noch. Und doch ist alles näher, dörflicher. An einem Dienstagvormittag kommen in Neumeyers Garten innerhalb von 90 Minuten Vater, Mutter, Frau, Bruder und ein Kollege zu einem kurzen Plausch vorbei, im Hintergrund läuft Neumeyers anderthalbjähriger Sohn herum.

Mit der Verbindung von IT und Landwirtschaft hat sich Gregor Neumeyer schon im Studium beschäftigt. Heute leitet er die Digitalisierungsabteilung einer großen österreichischen Versicherung und daneben die Firma ÖsterReis. Unter diesem Namen bauen er selbst und weitere fünf Landwirte in Niederösterreich und im Burgenland Reis an. Mittlerweile geht der Verkauf in die dritte Saison. Die Ernte schwankt stark: 2016 sind es drei Tonnen, 2017 – ein Katastrophenjahr – ist es nur etwa eine Tonne. 80 Prozent werden direkt über Online-Versand und ab Hof verkauft, der Rest geht in die Gastronomie und in ein Edel-Lebensmittelgeschäft in Wien. Die Zielgruppe sind kaufkräftige Stadtbewohner, denen es etwas wert ist, Reis aus Österreich zu verkochen. Denn ÖsterReis kostet doppelt so viel wie Premiumreis aus dem Supermarkt.

Das hat auch damit zu tun, wie der Reis im Marchfeld angebaut wird. Der Großteil der Reispflanzen weltweit wird im Nassanbau gezüchtet – das führt zu den typischen Bildern aus Asien mit überfluteten Feldern und Wasserbüffeln. Aber eigentlich braucht der Reis das Wasser nicht, es dient nur zur Unterdrückung von Unkraut. Trockenreis, wie ihn Neumeyer in Gerasdorf anbaut, ist ökologischer, doch der Ertrag ist geringer. Daher werde sich der Preis nicht grundlegend ändern, selbst wenn sich der Anbau vor Wien effizienter gestalten ließe, sagt Neumeyer. Zugute kommt ihm aber auch der Trend zur Regionalisierung: "Die Kunden sind bereit, für hochwertige heimische Produkte mehr zu zahlen."

Auf die Idee, Reis anzubauen, bringt ihn ein Bekannter vor drei Jahren. Gregor Neumeyer hält das erst für Schwachsinn. In der EU wird Reis schließlich vor allem südlich der Alpen angebaut, etwa in Italien. Aber langsam wandern die Anbaugebiete nach Norden, auch wegen des Klimawandels. Neumeyer lässt sich überzeugen, importiert Saatgut, baut auf dem damals noch von seinem Vater geführten Hof das erste Mal auf einem Hektar Land Reis an. Und erntet im Herbst 2015 etwa eine Handvoll. "Das war extrem frustrierend", sagt er.

Doch er gibt nicht auf. Er baut sich ein Netzwerk auf, informiert sich über neue Sorten, lernt Tricks für den Anbau. Über Facebook beginnt er, das Label ÖsterReis zu vermarkten.

Der IT-Experte versucht sich als Landwirt neuen Typs. Er baut nicht nur Reis an, sondern braut Reisbier, kommuniziert mit Kunden, veranstaltet "Feldtage", wo Menschen auf dem Hof vorbeischauen und sich den Verarbeitungsprozess anschauen können. "Die Leute wollen mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen", sagt er. Die Landwirte müssten lernen, sich besser selbst zu vermarkten. "Aktuell vermarktet der Lebensmittelhandel unsere Arbeit, aber das könnten wir viel besser."

Zur Vermarktung gehört zum Beispiel auch der weiße SUV mit dem Nummernschild "REIS 1", in dem Neumeyer herumfährt. Er ist ein Typ, der seine Geschichte gut erzählen kann, der Spannung auf- und starke Sätze einbaut. Das erzählerische Talent liegt in der Familie. Fragt man etwa seinen Vater, wie alt der Hof ist, beginnt der mit einer Geschichte aus dem Jahr 1680 und schlägt im weiteren Verlauf einen Bogen von Joseph II. bis hin zur Roten Armee nach dem Zweiten Weltkrieg.

"Die Leute wollen mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen"
Gregot Neumeyer, IT-Experte und Reisbauer

Dass Gregor Neumeyer letztlich doch Bauer werden wird, ist lange Zeit nicht abzusehen. Als Volksschüler in Gerasdorf bekommt er die Landwirtschaft zu Hause zwar mit. Doch dann geht er in Wien auf das Gymnasium, später in die HTL. Direkt nach der Schule beginnt er in der Softwareberatung zu arbeiten, wechselt in die IT-Abteilung einer Bank und macht nebenbei an der FH seinen Bachelor und Master in Wirtschaftsinformatik.