Ein wenig größenwahnsinnig müssen Künstler sein, um ein großes Werk zu wagen. Der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky hat sich mit ein wenig Größenwahn nicht zufriedengegeben. Teil seiner neuen Kunstaktion ist es, die Mauer in Berlin wiederaufzubauen. Und das am Kronprinzenpalais Unter den Linden, wo sie gar nicht stand! Einen Monat lang soll hier vom 12. Oktober an eine abgeschirmte Parallelwelt entstehen, Besucher müssen Visa beantragen und dürfen dann für ein paar Stunden oder auch mehrere Tage das Totalkunstwerk namens Dau besuchen. Seit Joseph Beuys und Christoph Schlingensief habe sie nichts dergleichen erlebt, sagt die Kuratorin Nina Pohl, die in das – lange geheim gehaltene – Unternehmen involviert ist.

Worum es geht? Eigentlich ist Dau ein Filmprojekt, das sich um das Leben des sowjetischen Physikers Lew Landau dreht. Landau erhielt für seine Entdeckungen 1962 den Nobelpreis, propagierte die freie Liebe und saß unter Stalin kurzzeitig im Gefängnis. In den 13 Jahren seiner Entstehung hat sich Dau wuchernd verselbstständigt. Der Regisseur Khrzhanovsky ließ im Verlauf der Werkgenese 20.000 Menschen casten, professionelle Schauspieler lehnte er ab. In Massenszenen wurden die Komparsen so gekleidet, dass sie als Farbpunkte auf der Straße ein kleinteiliges Gemälde des Avantgarde-Künstlers Pawel Filonow nachbildeten. Die meisten Wissenschaftler, die im entstehenden Film vorkommen, werden von echten Physikern und Mathematikern gespielt, die Hauptrolle übernahm der Dirigent Teodor Currentzis. Reales und Fiktives gehen munter durcheinander.

Von 2009 an mutierte der Dreh zu einem sozialen Experiment. In der Ukraine ließ der Regisseur ein fiktives Forschungsinstitut für 400 Menschen nachbauen, mit Laboren, Wohnungen, Cafés, einer Zeitungsredaktion – und strengen Regeln. Smartphones waren am Set ebenso verboten wie Wörter, die es in der Sowjetunion nicht gab. Selbst die Komparsen trugen ausschließlich alte Sowjet-Unterhosen.

Wie agieren Menschen, worüber reden sie in einer totalitären Parallelwelt? Drei Jahre dauerte das Experiment, aus 700 Stunden Material wurden bisher 13 Filme und mehrere Serien geschnitten, die erstmals in der Berliner Dau- Enklave gezeigt werden sollen, während gleichzeitig Konferenzen stattfinden und Schamanen im Schinkel-Pavillon ihren heilenden Auftritt bekommen sollen.

Die Berliner Festspiele sind der Veranstalter, es fehlen aber noch Genehmigungen. Finanziert wird Dau zum größten Teil durch die Stiftung eines russischen Multimillionärs. Einige Berliner zeigen sich alarmiert. Darf man die Mauer für ein Kunstprojekt aufbauen? Hoffentlich! Pünktlich zum 9. November wird sie wieder fallen.