Wir treffen uns im Café des Museums Rietberg in Zürich. Sylwina Spiess blickt in die Vitrine und deutet auf die Himbeer-Küchlein, die dort liegen. "Wow, sind die mit Chia-Samen?", fragt sie. Der Mann hinter der Theke antwortet: "Mit Mohn." Spiess bestellt dann Mineralwasser mit Kohlensäure.

DIE ZEIT: Frau Spiess, sind Sie käuflich?

Sylwina Spiess: Nein, auf keinen Fall. Und mir wäre es lieber, wenn Sie zu mir Sylwina sagen.

ZEIT: Warum?

Sylwina: Weil ich mich damit mehr identifiziere. Ich finde es menschlicher, mit dem Vornamen angesprochen zu werden. Ich spreche auch andere Leute lieber so an.

ZEIT: Geht es Ihnen darum, eine Marke zu sein?

Sylwina: Nein, ich finde es einfach persönlicher und zeitgemäßer. Ich überlege mir aber schon, was für eine Message ich sende und wie wir uns in meiner Community ansprechen wollen.

"Ich bin nicht käuflicher als jeder andere."
Sylwina Spiess, Influencerin aus Zürich

ZEIT: Mit dem Vornamen schaffen Sie Nähe.

Sylwina: Ja, absolut.

ZEIT: Sie sagen also, Sie sind nicht käuflich.

Sylwina: Ich bin nicht käuflicher als jeder andere.

ZEIT: Warum?

Sylwina: Weil mir Geld nicht so wichtig ist. Neulich habe ich gelesen, wie ich in den Medien genannt werde: Selbstverkäuferin. Ich dachte, bin ich jetzt eine Prostituierte? Nein. Was ich mache, ist Marketing. Ich verkaufe eine Dienstleistung und Content, ich biete Freelance-Arbeit an oder mache Consulting. Manchmal stehe ich als Testimonial für ein Produkt, okay, aber ich verkaufe mich nicht.

ZEIT: Bekannt sind Sie als Influencerin.

Sylwina: Ich bezeichne mich lieber als Content-Creator. Ich stelle Inhalte her, die im Internet publiziert werden: Bild, Video, Text.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Sylwina: (greift zur Wasserflasche vor sich) Firmen können zu mir kommen und sagen: Ich möchte dieses Wasser den Leuten im Internet zeigen. Sie erklären mir ihre Core-Message, ihr Konzept, vielleicht möchten sie ein dynamisches Video haben, wie man das Wasser beim Sport trinkt. Dann organisiere ich die Produktion, übergebe es dem Kunden und verrechne für meine Arbeit einen Stundensatz. Was ich mache, ist ähnlich wie Journalismus.

ZEIT: Es klingt eher wie das Gegenteil von Journalismus: Sie werben für ein Produkt und bekommen dafür Geld.

Sylwina: Ich kreiere einfach Content. Käuflich wäre ich, wenn jemand fragen würde: Wie viel kostet es, damit du für dieses Produkt wirbst? Und ich würde sagen: Ich finde es zwar einen Riesenscheiß, aber für 10.000 Franken mache ich es.

Abgelehnte Aufträge

ZEIT: Es geht Ihnen gar nicht nur ums Geld?

Sylwina: Nein, sicher nicht, ich habe auch schon sehr lukrative Aufträge abgelehnt.

ZEIT: Zum Beispiel?

Sylwina: Das ist vertraulich.

ZEIT: Wann lehnen Sie einen Auftrag ab?

Sylwina: Wenn ich nicht hinter dem Produkt stehen kann, zum Beispiel einer Fertigsauce, weil ich finde, man sollte einen Fond mit frischen Zutaten machen.

"Ich versuche, Produkte in das echte Leben zu integrieren, das ist eleganter als plumpe Werbung."
Sylwina Spiess

ZEIT: Was unterscheidet Sie von einer klassischen Werbeagentur?

Sylwina: Ich mache ausschließlich Online-Marketing, so bin ich auch im Handelsregister eingetragen. Ich versuche, Produkte in das echte Leben zu integrieren, das ist eleganter als plumpe Werbung. Meine Haupteinnahmequelle ist das Herstellen von Content, den ich nicht über meinen eigenen Instagram-Kanal verbreite. Darin komme ich auch nicht selbst vor.

ZEIT: Es gibt aber Produkte, die Sie auf Ihrem persönlichen Instagram-Kanal bewerben. Wie funktioniert das?

Sylwina: Meistens kontaktiert mich ein Kunde, der findet, dass ich zu seinem Brand passe. Dann stelle ich mir die Frage, ob ich mich mit dem Produkt identifiziere und ob ich dieses meiner Community zeigen möchte.