"Viel Feind, viel Ehr", sagt der Hamburger Umweltsenator Jens Kerstan. "Wenn alle uns lieb haben, würden wir als Grüne etwas falsch machen." So kann man das sehen. Die Frage ist, ob man so Politik machen kann.

Zwei große Vorhaben wollen die Hamburger Grünen noch vor der nächsten Bürgerschaftswahl im Jahr 2020 durchsetzen, die Fahrradförderung und den Umbau des Wärmenetzes. Die Idee der Fahrradförderung ist leicht zu verstehen, der parteilose Wirtschaftssenator Frank Horch setzt sie bereits um. Das Vorhaben ist zwar in der Öffentlichkeit umstritten, aber nicht unter Fachleuten. Kein Selbstläufer, aber auch kein Sorgenkind.

Die Wärmewende, wie die Grünen ihr zweites Vorhaben nennen, ist in jeder Hinsicht das Gegenteil. Binnen sieben Jahren wollen sie mehr als 300.000 Wohnungen, die gegenwärtig über das riesige Hamburger Fernwärmenetz vorwiegend mit Kohle geheizt werden, auf eine Mischung aus Erdgas, Industrieabwärme und Ökoenergie umstellen. Das Vorhaben fällt in die Zuständigkeit des grünen Umweltsenators und ist so anspruchsvoll wie kompliziert.

Nur politisch ist die Wärmewende ganz einfach zu verstehen: Jens Kerstan gegen alle. Und trotzdem kann es sein, dass er gewinnt.

In den nächsten Wochen muss die Stadt entscheiden, ob sie das Wärmenetz von Vattenfall zurückkaufen will. Ein Volksentscheid aus dem Jahr 2013 verlangt das, ihn umzusetzen ist der eine Teil des grünen Projekts Wärmewende. Wichtiger aber ist der zweite Teil, der Kohleausstieg.

Vattenfall, der Mehrheitseigentümer des Hamburger Fernwärmenetzes, lehnt das Vorhaben bislang ab. Das Unternehmen möchte sein Kohlekraftwerk Moorburg an das Wärmenetz anschließen; würden die Pläne der Umweltbehörde umgesetzt, müsste Vattenfall diese Idee aufgeben. In der Bürgerschaft haben sich CDU, FDP und AfD die Position des Energieunternehmens zu eigen gemacht und eine Kampagne inszeniert, die sich auf einen einzigen Punkt konzentriert: Angeblich seien die Pläne der Grünen viel zu teuer.

Zwei Kampagnen richten sich gegen die Pläne, selbst der Koalitionspartner hat Vorbehalte

Schwerer zu verstehen ist der Widerstand von links. Die Hamburger Umweltverbände haben zusammen mit Grünen und Linken vor fünf Jahren den Rückkauf von Strom-, Gas- und Wärmenetz gegen die sozialdemokratische Alleinregierung und die damals noch recht konservative und kampagnenfreudige Handelskammer durchgesetzt. Nun stellen sie sich nahezu geschlossen gegen die Pläne der Grünen – weil sie an eine Verschwörungstheorie glauben: Die Grünen sind danach willfährige oder naive Helfershelfer von Vattenfall, und ihre Wärmeleitung unter der Elbe, mit der Kerstans Behörde die Abwärme großer Unternehmen im Hafengebiet nutzbar machen möchte, diene in Wirklichkeit zum Anschluss des Kraftwerks Moorburg an das Hamburger Wärmenetz. Für einige linke Sektierer ist das längst eine bewiesene Tatsache. Schwerer wiegt, dass ein politischer Kopf wie der Hamburger BUND-Chef Manfred Braasch der Umweltbehörde in dieser Frage ebenfalls misstraut. Man wisse nicht, "ob Moorburg nicht doch eine Rolle spielt in dem Gesamtkonzept", sagt Braasch. "Wir stehen bei der Unterstützung von Kerstan ein bisschen auf der Bremse."

Angesichts zweier Kampagnen gegen die Pläne der Grünen deutet inzwischen auch ihr Koalitionspartner Vorbehalte an. Der Rückkauf des Netzes dürfe nicht zu teuer werden und die Fernwärme ebenfalls nicht, warnen die Sozialdemokraten. Beim jüngsten Parteitag der SPD probierte die neue Parteichefin Melanie Leonhard schon einmal eine Formulierung aus: Mit dem Umbau des Wärmenetzes sei es wie beim Schulsport – manche würden sich in die Büsche schlagen, während andere sich beim Langlauf anstrengten. Nun müssten die Sozialdemokraten ihren Koalitionspartner eben aus seinem Versteck holen und auf ihrem weiten Weg mitnehmen. Soll wohl heißen: Aus sozialdemokratischer Sicht kann es bis zum Kohleausstieg ruhig noch etwas dauern.