Alle Geschichten vom Missbrauch sind Geschichten vom Verschweigen. Ein Kind, das beichtet, missbraucht worden zu sein, wird vom Beichtvater ermahnt, nicht zu lügen. Ein Priester, der von einem anderen Priester vergewaltigt wurde, zeigt ihn nicht an, aus Angst, seiner Kirche zu schaden. Ein Bischof, der von den Missbrauchstaten eines anderen Bischofs erfährt, kann es nicht glauben und schweigt.

Alle Geschichten vom Verschweigen, die jetzt aus den Archiven der katholischen Kirche heraufgeholt und berichtet werden, sind aber auch Geschichten der Scham. Scham des Opfers, das glaubt, sein eigenes Leid provoziert zu haben. Scham des Täters über seine gewalttätige Triebhaftigkeit. Scham des zölibatär lebenden Vertuschers, der mit seiner verdrängten Sexualität konfrontiert wird, wenn er vom Extremfall sexueller Missbrauch hört, und der den Täter schützt, indem er das für ihn selbst so heikle Thema abwehrt.

So erklären es Therapeuten, die seit Jahrzehnten mit Opfern und Tätern aus der Kirche arbeiten. Beider Beschämung ist eine Ursache der Vertuschung, mindestens ebenso wie die Angst des Täters vor Bestrafung und die Sorge des klassischen Täterschützers um den Ruf der Kirche. Auch Papst Franziskus sagte nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle von Pennsylvania sogleich, er empfinde Scham. Das wiederum war beschämend, weil es nicht an ihm gewesen wäre zu klagen, sondern Täter und Vertuscher endlich zu belangen.

Franziskus ist verantwortlich für eine Institution, die sich durch Schweigekartelle jahrzehntelang schützte. Täterschutz ging vor Opferschutz, und dieser Mechanismus beruhte auf einer quasifamiliären inneren Bindung der Priester an ihre Kirche und einer oft mafiösen Art des Machtmissbrauchs.

Nun aber wird der Papst selbst als Vertuscher beschuldigt. Der Ex-Botschafter des Vatikans in Washington, Carlo Maria Viganò, unterstellt Franziskus, der habe schon 2013 von Missbrauchstaten des Washingtoner Erzbischofs Theodore McCarrick gewusst – aber nichts getan. Es ist der erste Vertuschungsvorwurf eines hohen Klerikers gegen den Papst. Es ist eine weitere Eskalation des Skandals. Denn sie wirft die Frage auf, ob dieser Papst wirklich aufklären will.

Seine Kritiker bezweifeln es. Seine Fans hoffen es. Man könnte sagen: Die Kritiker suchen nun einen Hauptschuldigen, der sich schämen muss. Die Fans suchen einen Unfehlbaren, damit sie sich der Kirche nicht länger schämen müssen.

Beschämendes, wenn es ein Verbrechen ist, muss ans Licht

Das wird nicht funktionieren. Hat Franziskus vertuscht? Viganòs Vorwürfe, die er in einem 13 Seiten langen Schreiben ausgebreitet hat, sind obskur. Seine Belege dünn. Und man merkt dem Text an, dass Viganò zu den US-amerikanischen Gegnern des Reformpapstes gehört. Erst hoben sie ihn auf den Papstthron, damit er die Kurie reformiere, nun sind sie ihm in inniger Feindschaft verbunden: Zu links ist ihnen die päpstliche Kapitalismuskritik, zu lax ist ihnen seine Sexualmoral ("Ich verurteile nicht! Ich bin Sünder!").

Tatsache ist: Franziskus hatte Washingtons Kardinal McCarrick im Juni wegen der Missbrauchsermittlungen vom Dienst suspendiert. Im Juli musste der Kardinal offiziell aus dem Kollegium zurücktreten. Nun wird er zur Symbolfigur, an der sich zeigt: Selbst dort, wo Bischöfe den Missbrauch sehr früh aufklären wollten, wie in den USA, konnte lange weiter vertuscht werden.

Und nun? Viganò behauptet, Missbrauchsvorwürfe gegen McCarrick seien bereits von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ignoriert worden. Das ist Unsinn (wäre es so gewesen, hätte Viganò damals als Nuntius selbst Bescheid wissen, die Päpste informieren und mit vertuschen müssen). Ebenso unsinnig ist der Vorwurf, Benedikt habe McCarrick kaltgestellt, Franziskus ihn rehabilitiert (es gibt viele Fotos, die Viganò mit McCarrick bei offiziellen Terminen zeigen, nach den angeblichen Sanktionen Benedikts und vor der Zeit von Franziskus).

Franziskus ist kein Obervertuscher, längst hat er Missbrauchsfälle zur Chefsache gemacht. Aber er beging gravierende Fehler, indem er zu spät auf Hinweise hörte. Seine Kritiker sollten sich an die Fakten halten. Seine Fans müssen lernen: Der Papst ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems, insofern er Teil seiner Kirche ist. Wenn die nicht auseinanderbrechen soll, muss sie Priestermacht brechen, wo immer die zu Gewalt verführt. Vor allem muss die Kirche ihre falsche Scham überwinden. Beschämendes, wenn es ein Verbrechen ist, muss ans Licht. Das nennt man Aufklärung.