Kein Sex seit sieben Wochen! Ehetragödien beginnen oft banal, mit lächerlichsten Vorhaltungen und wirbeln dann in Richtung Abgrund. Die Beteiligten mögen die Augen schreckensvoll aufreißen, sie sind an ihr Schicksal gefesselt. Kitschfilmstoff. Es ist ziemlich gewagt von Ian McEwan, seinen Roman Kindeswohl von 2014 und jetzt das Skript für den Film mit einem Seitensprung anzustoßen, auch wenn es zunächst nur die Idee eines Seitensprungs ist, die er – Professor der Althistorie, Jack – ihr, seiner Gattin – Richterin Ihrer Majestät, Fiona Maye – unterbreitet. Im Skript hat McEwan übrigens die sexlose Phase des Romans auf elf Monate hochgeschraubt. Tja. Wir befinden uns im kulturellen Milieu von London, im Herzen der heute so geschmähten Elite, in Gray’s Inn Square und dort in einem mit matten Kultfarben von Farrow & Ball colorierten Apartment, Tapeten im historischen Pattern der sozialkritischen Arts-and-Crafts-Bewegung. Ein Prost auf das Bühnenbild! Auftritt Stanley Tucci mit virilem Glatzkopf: Er möchte mehr Sex und zwar, wenig überraschend, mit einer jüngeren. Fiona – Emma Thompson mit leicht erschöpftem Unterhautgewebe – reagiert mit genau jener unerotischen Gereiztheit, die Frauen wie ihr, der älteren kinderlosen eleganten Karrierefrau, so gerne zugeschrieben werden.

Man könnte den Film hier abheften: Fantasie eines 70-Jährigen. Aber so einfach ist es nicht. Das Ehedrama verdeckt Ian McEwans Kernthema wie unpassendes Geschenkpapier. Als dieses ausgewickelt wird, kommt ein größeres Drama zutage, das den politischen Kern unserer Zeit berührt. Richterin Maye mag verlassen werden, aber jeden Morgen, der über London aufgeht, eilt sie zum Familiengericht und versucht zu kitten, was geht. Zerrissene Bindungen, verletzte Menschen, ethische Fragen. Es geht um verlassene, kranke, entführte, gequälte Kinder. Wesen, an denen sich der Schutzauftrag des Rechtsstaates zu beweisen hat, der hier von Maye vertreten ist, und klar ist: Er wird so stark oder so schwach sein wie sie, die überragende Juristin, eine waidwund geschossene Frau.

Emma Thompsons vielleicht größte Rolle

Brillanter Plot. Auf seine britische indirekte Art sagt er: Genau dies haben wir zur Verteidigung von all dem, was seit Beginn des humanistischen Zeitalters vor einem halben Jahrtausend unser Selbstverständnis ausmacht. Es ist Emma Thompsons vielleicht größte Rolle, und die Regie von Richard Eyre, dem wir schon Iris verdanken, eine Studie über die in die Demenz sinkende Autorin Murdoch, gibt ihr Raum, das auszuspielen.

Die Kamera verharrt inmitten der Tumulte, denen des Ehestreits oder des Familienrechts, immer wieder auf Thompsons Gesicht, auf dem die Schrecken irrlichtern. Die Erkenntnis, dass die Ehe am Ende ist. Abscheu für die oft greinende Klientel, das Ringen um eine Haltung, nicht zuletzt das Wissen, dass der nächste Fall wartet. Ein junger Mann, Adam, an Leukämie erkrankt. Milady muss entscheiden, ob er – gegen seinen Willen und den der Eltern, die Zeugen Jehovas sind, rettende Bluttransfusionen erhalten soll. Wer ist verantwortlich? Adam, drei Monate vor dem 18. Geburtstag? Ist er doch noch ein Kind? Und: Welche Befugnisse hat ein Gericht gegenüber der Religion?

Schon räumlich ist der Konflikt greifbar. Das Gericht hat sich hinter sakraler Architektur, in monumentaler Gotik, verschanzt. Da stehen die Mutter, mit zuckenden Lippen, der eifernde Vater, ihre Anwältin, jung und schwarz. Die Kontrahenten. Der Arzt. Der Vertreter der Klinik, ein Freund von Maye, sie begleitet ihn gelegentlich am Flügel zu Schubert-Liedern – kurz, aufmarschiert ist, was oft als "das System" gescholten wird. Und es entfaltet sich, in klugen Argumenten, ein scharfer Disput, für den Ian McEwan von den großen Humanisten gelernt hat, man denke an Erasmus und Thomas More, einst auch in London zu Hause. Verhandelt wird: der Freiheitsbegriff. Worte fliegen durch den Gerichtsaal, die Kamera zoomt auf Maye – erreichen die Worte sie? Und cut.

Ein Kind, das die Kinderlose rührt

McEwan bezieht sich auf einen Vorfall, in dem ein Richter einst eine Verhandlung unterbrach, um wie Milady in ein Krankenhaus zu eilen. Jetzt sitzt die Richterin am Bett des jungen Adam, der sich vom Leben verabschiedet hat und den Fionn Whitehead mit glühenden Augen perfekt spielt. Ein Kind, das die Kinderlose rührt. Aber auch ein schwarz gelockter Byronscher Verführer. Fionn Whitehead, der in Dunkirk brillierte, erweist sich als Einziger, der dem bravourösen Spiel von Thompson gewachsen ist.

In einem bewegenden Moment spielt Adam der Richterin auf der Gitarre eine Melodie vor. Maye, die ihre Stimme von Eiseskühle zu vibrierender Wärme hoch- und runtertunen kann, singt: "Drunten beim Weidengarten bot mir mein Lieb den Gruß, glitt durch den Weidengarten mit kleinem weißen Fuß ..." – W. B. Yeats. Ein Gedicht, das eine tödliche Begegnung beschreibt. "Sie hieß mich leicht zu leben, wie’s Gras am Ufer quoll, doch ich war jung und töricht, bin nun der Tränen voll." Jetzt wird Yeats für Adam ein Rettungsring. Lyrik, Musik, die Offenheit der Begegnung – das fängt ihn ein.

Thompson spielt entlang einer gefährlichen Grenze. Sie verurteilt Adam zum Leben, womöglich aus nicht professionellen, aus privaten Gründen. Und wird sich hinter Professionalität verschanzen, um seiner Anhänglichkeit auszuweichen. Das ist der Stoff für Tragik.

Die letzte Einstellung zeigt Judge Maye mit Mann in einer Luftaufnahme in einer vereisten Landschaft, es ist ein Friedhof, und es hat so gar nichts Tröstendes.