Als der Mann mit dem Fernglas über die sandigen Holzlatten geht, brennt ihm die Sonne auf das lange graue Haar. Links und rechts erhebt sich die Düne, obenauf raschelt der Strandhafer. Unterhalb sieht der Mann das Meer, hört die Brandung, jeder Meter eröffnet den Blick auf mehr bunte Strandkörbe. Dann stoppt er abrupt. Dort, wo er jetzt steht, wo der Weg hinunterführt zum Strand, klaffte am zweiten Weihnachtsfeiertag 2016 ein Abgrund von acht Meter Tiefe.

Jochen Runar ist der Ranger in Langeoogs Nationalpark. Als er damals am frühen Morgen an den Strand kam, hatte eine Sturmflut gewütet. Stundenlang hatten hohe Wellen von Nordwesten her an Langeoogs Strand geschlagen und allein an dieser Stelle 15 Meter Dünenfront weggerissen. Der Holzweg hinunter zum Strand war weg, stattdessen: nichts. Einen neuen Weg haben sie gebaut, aber aus der abgebrochenen Düne ragen immer noch die Wurzeln des Strandhafers, die mal im Sand steckten.

"Hier, wie ein Mobile!", sagt Runar, als er vor der Abbruchkante steht, das Meer und die Strandkörbe im Rücken. Zu den Seiten schwingen die Wurzeln des Strandhafers im Wind, viele Verästelungen, sie wachsen tief in die Düne hinein und geben ihr so Halt. Die Wildgräser wurden nachträglich gepflanzt, denn die Düne soll die Insel vor Sturmfluten schützen. Und die kämen immer früher als sonst, immer stärker, sagt Runar. Das hätten auch andere Inselbewohner ihm bestätigt. Nicht alle extremen Wetterereignisse lassen sich auf ihn zurückführen, und nicht jede Erinnerung der Insulaner lässt sich auch wissenschaftlich belegen. Doch die Langeooger spüren den Klimawandel.

Im Juli schickten zehn Familien aus verschiedenen Regionen der Erde eine Klage gegen die Europäische Union an das Gericht der EU, unter ihnen eine Familie aus Langeoog. Was sie gemeinsam haben, ist, dass sie nicht übermäßig viel Treibhausgase ausstoßen – aber übermäßig betroffen sind von deren Auswirkungen in der Atmosphäre.

Sie haben Angst um ihre Lebensgrundlagen. Berechtigte Angst. Sie fürchten, dass ihre Trinkwasserquellen versiegen. Sie bangen um ihr Vieh. Sie sorgen sich um den Verlust ihrer Kultur und ihrer Heimat.

Der Klimawandel ist so etwas wie die ultimative Globalisierung. Er trifft Menschen jenseits aller Mauern und Grenzen, stößt in aller Welt auf Orte, die besonders verwundbar sind. Wie an der deutschen Nordseeküste. Dass Langeoog morgen im Meer versinkt, heißt das nicht. Dass die Insel die globale Veränderung stärker zu spüren bekommt, schon.

"Als ich 2015 Ranger geworden bin, ist für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen", sagt Jochen Runar. Ein kleiner Junge mit nasser Badehose zappelt an ihm vorbei. Seit Runar 14 Jahre alt ist, beobachtet er Vögel. Auf Langeoog sorgt er sich besonders um Strandbrüter wie den Sandregenpfeifer. Der Vogel, der wie eine gestauchte Form der Lachmöwe aussieht, legt im Sommer seine Eier in den Sand zwischen die Muscheln und brütet sie dort aus. Auch die Zwerg- und Küstenseeschwalben machen das so. Nirgendwo in Deutschland kommen die Vögel vor außer auf den Nordseeinseln.

"Wenn der Meeresspiegel steigt, werden die Eier der Vögel aufs Meer getrieben", sagt Runar. Er streckt seinen Arm und zeigt den Strand entlang, nach Baltrum und Norderney im Westen, nach Spiekeroog im Osten. "Auf unseren Nachbarinseln ist das im vergangenen Sommer schon geschehen." Deshalb gebe es in diesem Sommer viel mehr Strandbrüter als sonst auf Langeoog, sagt Runar, die Vögel wichen aus. Bis auch auf Langeoog das Wasser kommt. "Dann ziehen sie fort."