Man erreicht viele Orte, hat jeden Tag Seeblick, dazu Restaurants und Entertainment an Bord: Solche Vorzüge der Schiffsreise sorgen dafür, dass das Business mit Kreuzfahrten boomt. Mit an Bord ist auch die Kunst, je nach Ansprüchen der Reederei zur Ausstattung der Suiten, Gänge oder Restaurants. Und auch der Kunstmarkt hat mit Galerien und Auktionen auf hoher See eine Nische gefunden.

So ist Carola Persiehl, Inhaberin der Galerie Commeter in Hamburg, seit der Jungfernfahrt vor fünf Jahren regelmäßig auf der Europa 2 unterwegs. Im Wechsel mit anderen Kollegen bespielt sie die Galerie auf Deck neun. "Das Besondere auf den Schiffen ist, dass die Gäste nicht in erster Linie wegen der Kunst da sind", sagt Persiehl. "Es gibt keine Hemmschwelle. Für manche ist es der erste Galeriebesuch überhaupt." Sie zeigt zeitgenössische Werke aus ihrem Galerieprogramm, etwa Malerei von Jochen Hein, der in einer ganz eigenen Spritz- und Maltechnik funkelnde Meeresbilder schafft. "Fast alle meine Künstler haben mit Wasser zu tun – als gebürtige Hamburgerin liebe ich das Wasser", sagt die Galeristin. Und auch beim Publikum kommen die Meeresmotive gut an. Für die meisten sei die Kreuzfahrt ein Highlight und der Kunstkauf eine "Erinnerung an eine wunderschöne Reise".

Zwanzig Werke kann Persiehl in der Bordgalerie zeigen. Die Preise liegen zwischen 1000 und 20.000 Euro, dieselben Summen wie in ihrer Hamburger Galerie. Was sie besonders schätzt: "Man hat Zeit! Auf dem Schiff ist das Internet eine Katastrophe, das Telefon funktioniert oft nicht, und so kann man sich viel ruhiger den Kunden widmen."

Wegen der Zollbestimmungen oder weil das Schiff noch weiterfährt, sind die Kunstwerke oft lange unterwegs. Kunden, die an Bord ein Unikat kaufen, warten manchmal zwei bis drei Monate auf ihr Werk. Anders verhält es sich mit Auflagen: Fotografien, Druckgrafiken oder Bronzeplastiken, von denen die Künstler acht, zehn oder mehr Exemplare produziert haben. Carola Persiehl nimmt solche Auflagenwerke gern mit an Bord, weil sie den Käufern ein Exemplar gleich nach ihrer Rückkehr von Hamburg aus schicken kann.

Im Unterschied zur Europa 2, die 500 Passagiere fasst, finden auf größeren Schiffen auch Auktionen statt. Jedes der zwölf Aida- Kreuzfahrtschiffe mit 2500 Gästebetten hat einen Bestand von tausend Werken, um stets genug Material für die Versteigerungen im Theater zu haben, das meiste davon im drei- bis vierstelligen Euro-Bereich. Selbst fünfstellige Beträge wurden schon für einzelne Werke des amerikanischen Künstlers James Rizzi erzielt. Seine fröhlichen, dreidimensionalen Wimmelbilder im Graffiti-Stil sind äußerst beliebt. Auch Udo Lindenbergs Kunst kommt auf den Aida- Kreuzfahrten beim deutschsprachigen Publikum gut an. In den Neunzigerjahren erfand der Rocker das "Likörell", eine Art Aquarell, bei dem er seine Pinsel nicht in Wasser, sondern in Eierlikör oder Blue Curaçao tauchte. Später stieg Lindenberg auf bunte poppige Kompositionen in Acryl um, die sich für um die 4000 Euro verkaufen.

Das Galerieprogramm auf der Europa 2 zielt ähnlich wie regelmäßige Kunstmessen auf langfristige Beziehungen zu Sammlern ab. Auf größeren Schiffen geht es oft um schnellere Umsätze, meist mit Werken in hohen Auflagen. Und nicht immer sind die Kunden am Ende glücklich.

Wie kaum ein anderes Unternehmen hat sich die amerikanische Park West Gallery in Southfield, Michigan, auf den Kunstverkauf an Bord spezialisiert. Ihre Website meldet Zahlen, bei denen sich Kunstliebhaber ungläubig die Augen reiben: 300.000 Werke verkaufe die Galerie jährlich. Mehr als einhundert Schiffe bestücke sie mit Kunst. Die jährlichen Umsätze sollen mehr als 300 Millionen Dollar betragen.

Ihre Geschäfte hatten allerdings schon viele juristische Prozesse unzufriedener Kunden zur Folge. Sie zahlten zum Beispiel sechsstellige Summen für surrealistische Grafiken von Salvador Dalí. Später mussten sie feststellen, dass diese Bilder von unabhängigen Experten mit höchstens 1000 Dollar bewertet wurden. Viele Werke wirken wie gemalt, tatsächlich handelt es sich aber um Drucke auf strukturierter Leinwand, also um Massenware. Dass dennoch viele ahnungslose Käufer hohe Preise zahlen, hängt mit den von Schaumwein befeuerten Bord-Auktionen zusammen. Zum Vorteil des Auktionators wirkt sich hier auch die schlechte Internetverbindung an Bord aus, sodass auf die Schnelle kaum überprüft werden kann, welche Preise sich online abrufen lassen.

Eines haben die schrillen Auktionen und die ruhigen Galerie-Ausstellungen an Bord gemein, egal ob exklusiv oder auf den Massengeschmack ausgerichtet: Wenn die Gäste, wie auf dem Mittelmeer, damit beschäftigt sind, jeden Tag immer neue Ziele anzuschauen, bleibt wenig Zeit für die Kunst an Bord. Wenn aber Ozeane überquert werden und sich ein Tag auf See an den nächsten reiht, bleibt mehr Neugier für die Kunst – und den Galerien mehr Gelegenheit fürs Geschäft.