Wann hatte ich eigentlich das erste Mal das Gefühl, alt zu sein? Ein Freund sagte: "Als mir ein jüngerer Mann einen Sitzplatz in der S-Bahn angeboten hat!" Bei mir selbst war es ein Telefonat mit meinem Enkel auf FaceTime. Er war krank und zur Abwechslung oder auch Unterhaltung sollte ich ihm "Bruder Jakob" vorsingen, das mag er so gerne. Ich habe mein Gesicht gesehen – die Kameraoptik ist da ziemlich brutal. Jede Falte ist tief zu erkennen, das Gesicht ist nicht mehr straff, da siehst du echt alt aus. Und meine Stimme beim Singen war unverkennbar die Stimme einer alten Frau. Oje! Ich fand meine Stimme bislang eigentlich immer ganz gut. Nicht zu hoch beim Predigen; und auch wenn ich keine Gesangsausbildung hatte, konnte ich ganz gut singen – fand ich. Aber jetzt hat meine Stimme schlicht den Klang einer älteren Frau. Nicht mehr so fest, nicht mehr so klar. Eine Frau in einem Kirchenchor sagte mir vor Jahren: Wir wissen ja, wir klingen nicht so gut wie die Jungen. Das habe ich damals nicht richtig verstanden. Jetzt weiß ich, was sie meinte.

Ein Indiz, dass wir alt werden, ist es auch, wenn wir uns dabei ertappen, dass wir immer öfter in der Zeitung Traueranzeigen lesen. Früher habe ich mich manchmal über meine Mutter lustig gemacht, wenn sie in der Oberhessischen Presse solche Anzeigen las. Heute ertappe ich mich dabei, dass ich das Gleiche tue – und mich die Geburtsjahrgänge der Verstorbenen nachdenklich machen. Denn immer öfter ist mein Jahrgang dabei; Menschen, die Ende der Fünfziger geboren wurden – und auch einige jüngere.

Auch Hände sind ein untrügliches Zeichen für ein gelebtes Leben. Das geht mir oft nach, wenn ich am Ende eines Gottesdienstes an der Kirchentür viele Hände geschüttelt habe. Die tiefen Furchen in den Händen eines Bauarbeiters, der zu jeder Jahreszeit im Freien gearbeitet hat. Oder die feingliedrigen, flinken Finger einer Näherin. Wie sehen Hände aus, die ein Leben lang im Haushalt zugepackt haben?

Meiner jüngsten Tochter habe ich neulich meine Hände gezeigt. Die Adern treten hervor, ein paar Altersflecken habe ich, und zwei Finger lassen sich nicht mehr so wirklich gerade biegen. Spontan sagte sie: "So sahen die Hände von Großmutter auch aus!" Und ja, ich erinnere mich natürlich auch daran. Kurz bevor meine Mutter starb, saß ich lange an ihrem Bett. In ihren kurzen Wachphasen habe ich ihre Hände gestreichelt. Es waren schöne Hände, das hatte ich früher gar nicht so wahrgenommen. Aber eben auch Hände, die von einem langen Leben gezeichnet waren.

Ich sehe Bilder von mir von vor 30 Jahren und denke: Ja, so jung war ich damals. Aber will ich das alles wirklich noch mal erleben? Eher nicht. Ich freue mich an meinen Töchtern, die jetzt jung sind. Aber ich sehe auch, welchem Druck sie ausgesetzt sind mit den Anforderungen im Beruf und als Mütter kleiner Kinder. Das Gefühl kenne ich gut, eine ständige Anspannung, allen Pflichten gerecht zu werden. Da genieße ich den jetzigen Lebensabschnitt doch sehr.

Ob ich 90 Jahre alt werden will, das weiß ich nicht. Das wären ja noch einmal volle 30 Jahre! Ist das eigentlich erstrebenswert? "Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre" (Ps 90,10), heißt es in der Bibel. Vielleicht ist das ja auch heute ein gutes Maß der Dinge. Auf jeden Fall weiß die Bibel etwas davon, dass uns im Alter die Zeit stetig schneller zu vergehen scheint: "denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon" (Ps 90,10). Dieses Bewusstsein wächst beim Älterwerden, das erlebe ich auch so. Die Zeit scheint immer schneller zu vergehen.

Denn auch das ist die Realität: Du triffst einen Freund wieder, den du lange nicht gesehen hast, und denkst: Huch, ist der alt geworden! Aber der nächste Gedanke ist: Wenn er, dann ja auch ich!

Manchmal fühlen wir uns selbst noch jung und sehen das eigene Alter nicht so, wie die anderen es von außen wahrnehmen. Auch wenn wir heute älter werden, weil der medizinische Fortschritt und unser hoher Lebensstandard in Westeuropa manches möglich machen. Auch wenn die 60-Jährigen heute zum Teil die 90-Jährigen pflegen können, gilt: Wer 60 ist, hat nicht die Konstitution eines 40-Jährigen – da muss sich niemand etwas vormachen. Udo Jürgens hat wunderbar gesungen: "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an", das stimmt natürlich nicht. Doch wenn es weitergeht: "Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran", kann ich ihm durchaus zustimmen. Die Freude am Leben muss nicht vergehen, bloß weil du über 60 bist, vielleicht wird sie in diesem Lebensabschnitt sogar intensiver, ja freier und bewusster!

Meine Tochter Hanna hat mich letztes Jahr zu Sneakers überredet, ich fand das erst komisch, aber habe sie dann gar nicht mehr ausziehen wollen, so bequem läuft es sich damit. Lustig fand ich, als mir nach einem Gottesdienst in Heidelberg eine ältere Dame einen Brief in die Hand drückte. Ich habe ihn auf der Zugfahrt nach Hause gelesen. Mein Kleid bei der Talkshow von Markus Lanz sei unziemlich kurz gewesen, und ich hätte die Beine auf eine Weise übereinandergeschlagen, die inakzeptabel sei für eine ehemalige Bischöfin. Ich musste darüber lachen. Solche Anfragen kenne ich eher aus meiner Jugend! Und im Übrigen war das Kleid absolut lang genug, mir jedenfalls hat es gefallen. Älterwerden gibt auch die Freiheit, sich unabhängig zu machen von dem, was "die Leute" so denken und meinen kommentieren zu müssen.