Das Geheimnis

Wann offenbart sich der wahre Kern eines Menschen? Sind es die Momente, in denen er die Kontrolle behält? Oder die, in denen er sie verliert? Der Tag, an dem Georg Mader die Kontrolle verliert, ist der 11. November 1991. Es ist der Tag, an dem er zu dem wird, der er heute ist. Mader, der in Wirklichkeit anders heißt, ist damals 26 Jahre alt, und es scheint ihm an nichts zu fehlen. Er ist verheiratet, seine Frau im siebten Monat schwanger, er studiert Deutsch und Russisch auf Lehramt. Sie haben Pläne. Und dennoch streift Mader an diesem Tag wie so oft durch das Wohngebiet, in dem er lebt, Bonn-Messdorf. Er trägt eine schwarze Lederjacke und braune Wildlederhandschuhe, in seiner Tasche stecken ein Springmesser mit zwölf Zentimeter langer Klinge, Handschellen und ein Nylonstrumpf seiner Ehefrau. Ziellos läuft er durch die Straßen. Bis er im erleuchteten Küchenfenster eines Einfamilienhauses eine Frau stehen sieht. Es ist 16.20 Uhr, es dämmert schon.

Mader klingelt.

Was dann geschah, davon hat Mader nie jemandem erzählt. Nicht seiner Frau, nicht seinen drei Kindern, nicht seinem Vater, der Polizist war. Es ist Maders Geheimnis. Nur er hat die Kontrolle über dieses Wissen. In den Jahren danach gibt es Tage, an denen kann er sein Geheimnis verdrängen, aber entkommen kann er ihm nicht. Es gibt Tage, an denen denkt er daran, zu gestehen. Er malt sich alles aus, die Verhaftung, den Knast, den Prozess. Aber am Ende entscheidet er sich immer für das Schweigen. 25 Jahre lang weiß niemand, wer Mader wirklich ist.

25 Jahre, in denen er Vater von drei Kindern wird und seine Frau sich von ihm trennt. 25 Jahre, in denen er sein Studium schmeißt, in denen er anfängt zu trinken und zu schlagen. 25 Jahre, in denen er alles tut, um sein Geheimnis zu wahren. Und dabei alles verliert. Bis er eines Tages doch die Wahrheit sagt.

Das Geständnis

Der 23. Februar 2017 ist ein Donnerstag. Mader ist nicht zur Arbeit gegangen, er arbeitet als Leiharbeiter in einem Kalk-Sandstein-Werk und repariert Holzpaletten, eine harte Arbeit, die er duldsam verrichtet, als wolle er sich bestrafen. Doch an diesem Tag meldet er sich krank und fährt von Wolfenbüttel, wo er lebt, nach Braunschweig. Er schaut Trainspotting 2 im Kino an, der Film gefällt ihm. Er besucht ein kroatisches Restaurant und bestellt den großen Grillteller. Während er isst, blättert er in einem Katalog mit den Bucherscheinungen des Frühjahrs, er trinkt zwei Weißbier und zwei Slibowitz aufs Haus. Drei Tage zuvor hat er seinen 52. Geburtstag gefeiert. Allein, in seiner Einzimmerwohnung.

Danach fährt Mader zurück nach Wolfenbüttel, in die 13, eine Kneipe, in die er öfter geht. Meist, wenn wieder die Bilder durch seinen Kopf zucken. Die Erinnerung ist gleichzeitig verschwommen und scharf. Die Schreie, die Frau, das Messer, das Blut. Sosehr er es sich auch wünscht, Mader kann die Bilder nicht aus seinem Gedächtnis löschen. Sie verfolgen ihn, manchmal bis in seine Träume.

Nun hockt er am Tresen, das Licht ist matt, er trinkt acht Bier, drei oder vier Jägermeister. Das Einzige, was ihm zumindest für ein paar Stunden hilft, ist, die Erinnerung zu ertränken.

Als er genug hat, setzt er sich in seinen weißen VW Fox, er will nach Hause. Er versucht, unauffällig zu fahren, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Es ist 23.30 Uhr, als die Polizei ihn anhält, nur 500 Meter von seiner Wohnung entfernt. Er parkt das Auto am Straßenrand, der Atemtest ergibt 2,2 Promille. Die Verkehrspolizisten nehmen ihn mit auf die Wache, ziehen seinen Führerschein ein und notieren seine Personalien: Georg Mader, geboren am 20. Februar 1965 in Goslar. Dann lassen sie ihn laufen.

Mader torkelt nach Hause, so gut er noch kann, es sind nur 700 Meter, er holt den Ersatzschlüssel für den VW Fox, läuft zurück zu seinem Auto, steigt ein und fährt los. Er kommt nicht weit. Um 0.30 Uhr stoppen ihn dieselben Polizisten zum zweiten Mal in dieser Nacht.

Einer der Polizisten sagt: "So etwas habe ich auch noch nicht erlebt."

Mader sagt: "Ich erzähle dir mal etwas, was du noch nicht erlebt hast."

Die Polizisten sind unsicher: Ist der Mann ein besoffener Spinner? Auf der Wache schauen sie ins Computerarchiv und werden auf einmal sehr ernst. Was Mader sagt, scheint zu stimmen. Monika F., eine verheiratete Frau von 38 Jahren, Mutter einer Tochter, wurde am 11. November 1991 in ihrem Haus in Bonn erstochen.

Die Polizisten schließen Mader in eine Zelle ein. Die Gedanken schwirren in seinem betrunkenen Hirn. Warum hat er gestanden? Er weiß es nicht. Er weiß nur, sagt er heute, dass es von da an kein Zurück mehr gab.

Ging es um Rache, Sex, Geld?

Die allermeisten Mörder in Deutschland werden von der Polizei überführt, 2017 waren es der Statistik zufolge 95,5 Prozent. Die Ermittlungen zu Maders Tat hingegen waren bereits vor langer Zeit eingestellt worden. Es fehlte ein Motiv. Ging es um Rache, Sex, Geld? Nichts ergab einen Sinn.

Einen Tag nach Maders Geständnis holen ihn zwei Kriminalkommissare in Wolfenbüttel ab und fahren ihn nach Bonn, wo er seine Aussage wiederholt. Die Kommissare lesen in vergilbten Akten und gleichen alles, was Mader erzählt, mit Presseberichten ab. Er weiß von Dingen, die nur der Täter wissen kann: Dass Monika F. einen dunkelroten Pullover getragen und die Hände auf dem Rücken gefesselt hatte. Dass die Tatwaffe ein Springmesser war. Nur bei einer Sache irrt Mader. Er spricht von fünf bis zwölf Messerstichen. Tatsächlich waren es 74, in Oberkörper, Rücken und Beine.

Georg Mader wird dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Er verbringt seine erste Nacht in U-Haft, in der JVA Köln. Das Gefängnis – das Schlagen der Türen, das Hallen der Schritte auf dem Gang – erinnert ihn an seine Zeit bei der Bundeswehr, wo er als junger Mann nahe der deutsch-deutschen Grenze russische Soldaten abgehört hatte. Mader fühlt sich auf eine merkwürdige Art erleichtert.

Aus der U-Haft in Köln schreibt er zwei Briefe. Den ersten an seine Eltern: "Liebe Mama, lieber Papa, [...] erwartet bitte keine Erklärungen von mir für etwas, das ich mir selbst bis zum Ende meines Lebens nicht erklären kann. Ich bin mir seit Ewigkeiten selbst ein Rätsel. Sucht auch keine Schuld bei euch für das, was ich bin oder irgendwann geworden bin. So wie es jetzt ist, ist es okay."

Den zweiten Brief schreibt Mader an seine Lebensgefährtin I.: "Ich weiß, dass dir das, was ich vor langer Zeit getan habe, den Boden unter deinen Füßen weggerissen hat. [...] Du solltest vor allem kein Mitleid mit mir, sondern mit den Angehörigen des Opfers haben. Das wird dir helfen, Schritt für Schritt Abstand zu mir zu gewinnen und irgendwann einen Neuanfang zu starten. [...] Ich werde das, was das Gericht für Gerechtigkeit erklärt, annehmen und sehr lange, vielleicht auch für immer im Gefängnis bleiben."

Der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich nicht in seinen Worten oder seinen Gedanken, sondern in seinen Taten. In denen, die er begeht, und in denen, die er unterlässt. Ist er liebevoll oder grausam? Feige oder mutig? Aufrichtig oder ein Lügner?

In Maders Leben waren es fünf Minuten, in denen er zum Mörder wurde. Und 25 Jahre später waren es nur wenige Minuten, in denen er sich im Vollrausch dazu bekannte. Könnte es sein, dass Georg Mader die Wahrheit nur gesagt hat, weil er betrunken prahlen wollte? Dass er sein Geständnis mittlerweile für einen Fehler hält? Dass er die Reue bloß inszeniert?

Die Reue

Anderthalb Jahre nach seinem Geständnis, an einem Nachmittag im August, nimmt Georg Mader im Besucherraum der JVA Wolfenbüttel Platz. An den Nebentischen flüstern tätowierte Männer in Unterhemden mit ihren Müttern, Schwestern, Frauen und tauschen scheue Küsse. Mader wirkt auffällig ruhig. Der Rücken gerade, die Hände vor sich auf dem Holztisch gefaltet.

Er ist ein Mann mit einem verschlossenen, schmalen Gesicht, graues Haar, grauer Dreitagebart, 1,80 Meter groß, eine schmale, silberne Brille auf seiner Nase, die rot und angeschwollen aussieht, Rosacea, eine Hautkrankheit, unter der auch seine Mutter und deren Vater litten. Seine klaren blauen Augen halten den Blick.

Herr Mader, warum haben Sie gestanden?

"Ich ekele mich vor mir selbst"

"Weil ich bestraft werden wollte." Er sagt, er habe nicht bis an sein Lebensende in Freiheit weiterleben wollen. "Ich konnte es nicht."

Warum nicht?

"Weil die Schuld dich holt."

Wie meinen Sie das?

"Wenn ich in den Spiegel schaue, in meine Augen, bricht mein Blick. Ich sehe dann nur den Mörder Georg Mader."

Nachdem Monika F. am 11. November 1991 um 16.20 Uhr die Tür geöffnet hat, steht Georg Mader vor ihr, ein Mann, den sie nie zuvor gesehen hat. Er stößt sie zurück in den Flur und schließt die Tür. Sie fällt hin, will aufstehen. Aber Mader drückt sie zu Boden, dreht sie auf den Bauch, legt ihr Handschellen an. Sie schreit. Er zückt das Messer und droht ihr, sie solle still sein. Sie beißt ihn in den Finger und schreit noch lauter. Sie schreit und schreit.

Mader befürchtet, dass die Nachbarn etwas hören könnten. Er sticht auf sie ein. Irgendwann ist sie still.

Mader sagt: "Ich ekele mich vor mir selbst."

Er sagt das ruhig. Wieder der aufrechte Blick. Und dennoch bleibt ein Zweifel, der sich verstärkt, je öfter man mit ihm Briefe schreibt oder ihn im Gefängnis besucht, erst zweimal in der JVA Köln, dann in der JVA Wolfenbüttel.

Zwar spricht Mader von Reue. Er sagt: "Ich schäme mich vor mir selbst." Er erzählt von Albträumen und von der Schuld, die er auf sich geladen hat. Aber obwohl er "ich" sagt, wirkt es, als würde er von einem Fremden reden.

Wenn er von der Tat spricht, sagt er, er sei wie "ferngesteuert" gewesen, "eine Marionette". Wenn er das Wort "Mör-der" sagt, zieht er es so in die Länge, als wollte er zwischen den Silben verschwinden. Wenn er von sich selbst spricht, sagt er, er sei "sich ein Rätsel".

Es ist nicht leicht, aus Mader schlau zu werden.

Verheimlicht er etwas?

Der Verdacht

Im Frühjahr 2017, kurz nachdem Mader sich gestellt hat, durchsuchen Polizisten seine Wohnung. Sie finden verschiedene Messer, ein Elektroschockgerät, eine Rolle Klebeband, zwei Paar Handschellen und in einer CD-Box Dutzende fremde Personalausweise, Führerscheine, Reisepässe und Bankkarten, überwiegend von Frauen.

Die Polizisten kontaktieren alle Personen, deren Dokumente sie gefunden haben. Bis auf eine Frau, die eines natürlichen Todes gestorben ist, sind alle am Leben; manche sagen, sie seien bestohlen worden.

Die Polizisten vergleichen Maders DNA mit Spuren, die bei anderen Verbrechen in ganz Europa aufgetaucht sind. Der Abgleich ergibt nichts. Offenbar ist Mader kein Serientäter. Aber woher hat er all die Ausweise? Und noch eines macht die Ermittler stutzig: Sie haben auch einen DIN-A4-Zettel entdeckt, mit Zahlen und merkwürdigen Abkürzungen, auf denen Mader irgendetwas akribisch dokumentiert hat.

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen des Mordes an Monika F. Maders Anwalt überlegt, auf Totschlag zu plädieren. Totschlag verjährt nach zwanzig Jahren. Aber Mader will das nicht. "Ich wollte eine gerechte Strafe", sagt er.

Mord, ohne besondere Schwere der Schuld, ohne den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Das scheint ihm angemessen.

Ein intelligenter, gebildeter Mann

Das Gericht

Am ersten Verhandlungstag, am Landgericht Bonn, verliest Maders Verteidiger eine Erklärung seines Mandanten. Mader sitzt daneben, in Jeansjacke und mit zerzaustem Haar, scheinbar ungerührt vom Gemurmel im Publikum und den Kameras der Journalisten, den Blick starr auf den Tisch vor sich geheftet.

"Ich habe Frau F. am 11. November 1991 getötet", liest der Rechtsanwalt. "Ich habe diese Frau am besagten Nachmittag zum ersten Mal gesehen. Sie war ein reines Zufallsopfer. [...] Ich habe zwar seit meiner Jugend unter Gewaltfantasien gelitten. Diese aber nie, auch nicht ansatzweise, ausgelebt. [...] Der Entschluss zu dieser Tat überkam mich sehr spontan, als ich diese Frau am Küchenfenster des Hauses erblickte. [...] Wenn Sie mich nach meiner Motivation für mein spätes Geständnis fragen, kann ich nur sagen, dass ich diese Last endlich loswerden wollte. Und so können die Angehörigen wenigstens erfahren, was damals geschehen ist. Ein denkbar schwacher Trost. Aber wenigstens kann ich ihnen die jahrelange Ungewissheit nehmen."

Nachdem der Anwalt fertiggelesen hat, befragt der Vorsitzende Richter Mader. Er scheint ihm nicht zu glauben, dass er sich spontan zur Tat entschlossen hat.

"Warum hatten Sie ein Messer und Handschellen bei sich?"

"Die Handschellen und das Messer hatte ich seltsamerweise häufig dabei. Ich kann nicht sagen, warum."

"Warum beschafft man sich so etwas?"

"Das scheint eine Art Fetisch von mir zu sein."

Der Vorsitzende fragt Mader nach den Ausweisen. Mader sagt, er habe sie zufällig gefunden.

"Und dieser ominöse Zettel mit den Zahlen?", fragt der Vorsitzende. Mader weigert sich, etwas dazu zu sagen: "Das ist eine private Angelegenheit, die strafrechtlich nicht relevant ist."

Keiner glaubt ihm. Mader scheint etwas zu verbergen. Es ist nicht klar, ob er nicht ehrlich zum Gericht ist oder nicht ehrlich zu sich selbst.

Spricht man Mader im Gefängnis auf den Zettel an, fängt er an zu lachen. "Das sage ich Ihnen nicht. Aber es ist ganz harmlos. Die entscheidende Frage, die mir keiner stellt, ist, warum will ich es nicht erzählen?"

Warum wollen Sie es nicht erzählen?

"Das sage ich nicht."

Es scheint Mader Freude zu bereiten, andere zu narren. Er will der Klügere sein. Die Psychiaterin, die ihn für den Gerichtsprozess begutachtete, hält ihn nicht für geisteskrank oder persönlichkeitsgestört. Allerdings attestiert sie ihm sadistische und narzisstische Züge.

Mader sagt, das sei Unsinn.

Im Gespräch betont er, dass er Akademiker ist, obwohl er sein Studium abgebrochen hat. Ein intelligenter, gebildeter Mann, der fünf Sprachen spricht. Er verpackt jetzt Bauteile, von 6.45 Uhr bis 14.45 Uhr, Getriebekästen für die Firma Bosch, eine "stumpfsinnige Arbeit", wie er findet. Sie hat nur den einen Vorteil, dass sie die Zeit schneller verstreichen lässt.

Mader ist ein Einzelgänger, auch im Gefängnis. Nach seinem Geständnis hatte er erwartet, dass alle draußen mit ihm brechen würden. Doch seit er in Wolfenbüttel einsitzt, kommt sein Vater, 74 Jahre alt, einmal im Monat für eine Stunde zu Besuch. Bislang haben sie fast ausschließlich über seine Mutter geredet, die im Februar verstorben ist. Über den Mord haben sie noch nicht ein einziges Mal gesprochen.

In seiner Zelle liest Mader meist. Biografien über Napoleon und Heydrich, Romane von Murakami, John Irving, Eco und Dostojewski.

Kennen Sie auch Schuld und Sühne?

"Natürlich. Ich habe alles von Dostojewski gelesen, ich halte das Buch für den schwächsten seiner Romane. Der Originaltitel ist übrigens Verbrechen und Strafe, der gefällt mir besser."

Warum?

"Es ging um Macht. Um Kontrolle über die Person"

"Weil ich mit so religiösen Begriffen wie Schuld und Sühne nichts anfangen kann. Was ich mir vorwerfe, ist, dass ich es als nicht ungebildeter Mensch nicht geschafft habe, mich wegen meiner Fantasien in Therapie zu begeben."

Was meinen Sie mit Fantasien?

"Es war mehr wie ein Tagtraum, der plötzlich in mir abläuft. Ein großer, nicht zu beherrschender Drang."

Die Fantasie

Mader sagt, das mit seiner Fantasie beginnt, als er sieben Jahre alt ist. Er ist ein zurückhaltender, stark kurzsichtiger Junge, der am glücklichsten ist, wenn er sich hinter seinen Büchern verstecken kann. Einmal sitzt er im Unterricht und merkt, wie seine Gedanken wegdriften. Es ist immer dieselbe Situation, die er sich seitdem vorstellt: Er sieht, wie er einen Weg entlangläuft, es dämmert schon, und vor ihm geht eine Person. Er kann nicht sagen, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Er weiß nur, dass er die Person verfolgt, dass er sie von hinten anfällt und zu Boden ringt. Dann bricht seine Fantasie ab, sagt Mader.

Mit zwölf Jahren – Mader ist mittlerweile ein pubertierender Junge, der unter Akne leidet und davon träumt, Polizist zu werden wie sein Vater – wird der Drang in ihm stärker. An einem Tag Ende November, er kommt gerade vom Konfirmandenunterricht, geht vor ihm, auf einem schmalen Weg, eine Frau um die 30. Sie ist allein.

Er pirscht sich heran, er kann nicht anders. Irgendwann ist er ihr so nah, dass nur wenige Zentimeter zwischen ihnen sind. Vermutlich kann die Frau ihn atmen hören, aber sie reagiert nicht. Als ein Fahrradfahrer auftaucht, läuft Mader an der Frau vorbei.

Später – Mader machte erst seinen Realschulabschluss, dann Abitur – verändert sich seine Fantasie. Meistens ist es jetzt eine Frau, die er verfolgt: lange Haare, ein Kleid, runde Hüften. Manchmal hält er auch ein Messer in der Hand. Doch noch immer endet die Fantasie im Moment des Überfalls.

Hat die Fantasie Sie sexuell erregt, Herr Mader?

"Nein, es ging mir nicht um Sex."

Worum dann?

"Es ging um Macht. Um Kontrolle über die Person. Ich wollte sie besitzen."

Mader war nie in Therapie. Wenn man ihn fragt, warum, sagt er, er wisse auch nicht. Er habe sich geschämt. Stattdessen versuchte er, seine Fantasien zu kontrollieren, sie einzuhegen und irgendwo tief in sich drin wegzusperren.

Doch wie viel kann ein Mann mit sich selber ausmachen?

Die Schuld

Danach, als alles still ist, irrt Mader panisch durch die fremde Wohnung, er tritt in die Blutlache, läuft wie benommen ins Obergeschoss und in die Küche. Er nimmt das Portemonnaie von Monika F. an sich, darin sind 300 Mark und ihr Personalausweis. Dann läuft er zurück in den Flur, beugt sich über den leblosen Körper, öffnet die Handschellen. Den Nylonstrumpf, den er nicht benutzt hat, lässt er dort. Insgesamt ist er nicht länger als fünf Minuten im Haus. Er schlägt die Tür zu, am Ärmel seines Pullovers klebt Blut. Auf der Straße begegnet er niemandem.

Zu Hause wäscht Mader das Blut aus seinem Pullover und reinigt seine Lederjacke. Danach fährt er mit dem Rad zur Uni. Er geht in die Cafeteria, zieht sich einen Kaffee aus dem Automaten und setzt sich an einen Tisch. Er weint nicht.

Auf dem Rückweg schmeißt er das Portemonnaie und den Personalausweis in ein Gebüsch. Das Messer und die Handschuhe wirft er am nächsten Tag in den Rhein.

In der Zeitung liest er "Raubmord: 38-Jährige erstochen".

Er denkt, wenn er durch die Stadt läuft, man müsse ihm doch im Gesicht ablesen können, dass er ein Mörder sei. Doch niemand kommt je auf die Idee, ihn zu verdächtigen.

"Die Schuld verändert sich nicht. Sie bleibt"

Zwei Monate danach bekommen Mader und seine Frau ihren ersten Sohn. Drei Jahre später Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen, aber ihre Ehe ist nicht mehr wie zuvor. Mader bricht sein Studium ab und arbeitet für eine Sicherheitsfirma. Er fängt an zu trinken, Whisky, Wodka, Cognac, dazu immer Bier. Einmal sitzt er betrunken auf dem Dach eines achtstöckigen Hauses und überlegt zu springen.

Er schlägt seine Frau, mit der flachen Hand, mit der Faust. Im Jahr 2001 flieht sie mit den drei Kindern in ein Frauenhaus. Mader ist allein.

Herr Mader, haben Sie sich selbst vergeben?

"Nein. Die Schuld verändert sich nicht. Sie bleibt."

Die Familie

Am zweiten Verhandlungstag sind der Mann und die Tochter von Monika F. im Saal. Zuerst sagt Herr F. aus. Er sagt, er vermisse seine Frau immer noch. Er ist 73 Jahre alt, ein Mann mit schütterem Haar und einem Gesicht, in das sich der Schmerz eingegraben hat. Die Verwandten seiner Frau beschuldigten ihn des Mordes, ein Vierteljahrhundert lang, obwohl die Polizei sofort ausgeschlossen hatte, dass er der Mörder sei.

Herr F. sagt: "Seit dem Geständnis ist eine ungeheure Last von mir abgefallen. Diese Befreiung ist unvorstellbar groß."

Dann ist seine Tochter an der Reihe, sie war damals zwölf Jahre alt. Als sie nach Hause kam, klingelte sie, weil sie ihren Schlüssel vergessen hatte. Sie klopfte und rief. Schließlich kam ihr Onkel, er fand Monika F. auf dem Boden. Sie war verblutet.

Die Tochter fängt an zu weinen, wenn sie das erzählt.

Herr F. starrt Mader minutenlang an, Mader weicht seinem Blick aus und guckt nach unten.

Der Richter fragt die Tochter: "Wie war es für Sie, als Sie vom Geständnis erfahren haben?"

Die Tochter sagt: "Für uns kommt es zu spät. Wir haben schon ein Strafmaß von 25 Jahren."

Dann schaut sie Mader an. "An einem Punkt, wo man seinen Lebenskarren in den Dreck gefahren hat, zu gestehen, ist nicht mutig, sondern feige. Das hat er nur für sich getan."

Nach der Trennung von seiner Frau trifft Mader I. wieder, die Liebe seines Lebens, wie er sagt. Die beiden kennen sich, seit er elf Jahre alt ist, I. lebt in Rotterdam mit ihrem Sohn, sie ist wie er geschieden, Mader zieht zu ihr. Er trinkt noch immer, er schlägt auch I. Einmal zertrümmert er mit einer Axt die Tür zum Badezimmer, in das I. sich eingeschlossen hat; sie ruft die Polizei.

Mader sagt, so sei ihre Beziehung eben gewesen, eine Amour fou.

2011 brechen seine drei Kinder den Kontakt zu Mader ab. Ein Jahr später zieht er allein nach Wolfenbüttel. Er arbeitet im Wachschutz einer Chemiefabrik, dann in einer Fleischfabrik, ein halbes Jahr ist er arbeitslos, schließlich heuert er bei einer Zeitarbeitsfirma an. Zuletzt verdient er 1000 Euro im Monat, die er beim Jobcenter aufstockt. 686 Euro zahlt er für den Unterhalt seiner Kinder, sagt er, 280 Euro für die Miete. Seine Abende verbringt er häufig in der Kneipe, hin und wieder prügelt er sich. Alle zwei Monate trifft er sich mit I. Irgendwie sind sie noch zusammen, aber irgendwie auch nicht mehr.

Herr Mader, war Ihr Geständnis feige?

"Es war weder feige noch mutig. Es war ein Geständnis. Aber es stimmt schon, was die Tochter gesagt hat, ich könnte nicht unterschreiben, dass ich auch gestanden hätte, wenn ich eine Woche zuvor eine Million Euro im Lotto gewonnen hätte."

Das Urteil

Am 5. Dezember 2017 verurteilt das Landgericht Bonn Georg Mader zu lebenslanger Haft. Ohne die besondere Schwere der Schuld. Nach 15 Jahren könnte er das Gefängnis womöglich wieder verlassen. Er wäre dann 67 Jahre alt.

"Wollen Sie noch etwas sagen, Herr Mader?", fragt ihn der Vorsitzende Richter, bevor er das Urteil verkündet.

"Ja", sagt Mader. "Ich würde gern sagen, dass ich diese Tat bereue." Er könne nur hoffen, "dass die Zukunft für Herrn F. und seine Tochter, auch wenn dieser Prozess sehr spät stattgefunden hat, etwas Positives bringen wird".

Das ist alles. Mader bittet nicht um Vergebung.

Eine letzte Frage im Besuchsraum der JVA Wolfenbüttel: Haben Sie die Fantasie immer noch?

"Nein, seit ich im Gefängnis bin, ist sie verschwunden."

Sind Sie in Therapie?

"Nein."

Warum nicht?

"Wissen Sie, die Therapeuten hier im Gefängnis sind nicht so gut, wie ich es mir wünschen würde."

Dann steht er auf und verschwindet hinter einem vergitterten Fenster.

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