Wenn die Bevölkerung mit Hamsterkäufen in den Supermärkten und Auswanderungsplänen reagiert, ist das kein gutes Zeichen für eine Wirtschaftsreform. So läuft es aber gerade in Venezuela. Der Staatschef Nicolás Maduro hat dort vor einigen Tagen ein ökonomisches Rettungsprogramm ausgerufen.

Der sichtbarste Teil der Reformen ist, dass die Zentralbank neue Geldscheine mit weniger Nullen herausgibt. Aus 100.000 Bolivar wird nun ein Bolivar, umgerechnet sind das ein paar Eurocent. Die alten Scheine waren nach jahrelanger Hyperinflation nutzlos geworden. Schon für ein Stück Pizza hätte man mehrere Kilo Banknoten anschleppen müssen. Kein Mensch hatte noch Zeit, die Scheine zu zählen, und kein Bankautomat spuckte so viel aus.

Nullen streichen ist allerdings keine dauerhafte Lösung gegen eine Hyperinflation (zuletzt über 100.000 Prozent im Jahr), wenn man nicht zusätzlich ihre Ursachen bekämpft. Deshalb hat Maduro auch ein paar staatliche Sparmaßnahmen angekündigt, vor allem das bisher nahezu kostenlos im Land verteilte Benzin wird künftig weniger subventioniert. Das soll die Furcht eindämmen, dass zur Begleichung der Staatsausgaben in Venezuela ständig neues Geld gedruckt wird.

Obendrauf setzt Maduro auf ein ungewöhnliches geldpolitisches Instrument: Der Außenwert der neuen Landeswährung soll sich künftig an einer von Maduro erfundenen Kryptowährung namens "Petro" orientieren. Deren Wert wiederum soll anhand des Ölpreises festgelegt werden. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine solche Konstruktion, und die Verunsicherung in Wirtschaftskreisen ist auch deswegen so groß, weil noch kein Regierungsvertreter schlüssig erklärt hat, wie das Ganze funktionieren soll.

Doch selbst wenn diese Reform gelingt: Allein mit diesen Maßnahmen könnte Maduro die tiefer liegenden Probleme des Landes nicht in den Griff bekommen. Venezuelas Volkswirtschaft ist in den vergangenen Jahren geradezu kollabiert, zwischen 2013 und 2017 schrumpfte sie schätzungsweise um ein Drittel. Viele Nahrungsmittel wie Milch und Hühnchen, Medikamente und sogar Trinkwasser sind knapp, Hungersnöte sind dadurch ausgebrochen. Zuletzt hat eine Massenflucht von bisher gut zwei Millionen Venezolanern eingesetzt, vor allem in die unmittelbaren Nachbarländer. Für manche Orte bedeutet das eine humanitäre Katastrophe. Auch Unternehmer, Fachkräfte und Intellektuelle setzen sich ab, ohne die man keine Wirtschaft wieder aufbauen kann. Und sogar Venezuelas hauptsächliche Einnahmequelle, der Verkauf von Öl aus den Reserven des Landes, gerät ins Stocken: Die Produktion und der Transport werden von einem bürokratischen Staat statt von fähigen Managern organisiert, die einschlägige Infrastruktur verfällt.

Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, muss man die jüngere Geschichte des Landes betrachten. Maduro ist der auserwählte Nachfolger des 2013 verstorbenen Staatsführers Hugo Chávez. Dessen Gefolgsleute, die sogenannten Chavistas, bauen seit Ende der Neunzigerjahre eine alternative Wirtschaftsordnung auf. Dieser sogenannte Sozialismus des 21. Jahrhunderts sollte eine Reaktion darauf sein, dass in dem karibischen Land eine extreme Ungleichheit zwischen Arm und Reich herrschte. Die rührte vor allem daher, dass eine mächtige Elite die Öleinnahmen unter sich aufteilte und ansonsten kaum nennenswerte Wirtschaftszweige aufbaute.

Die Chavistas verteilten mehr dieser Öleinnahmen unter den Armen. Sie experimentierten mit ehrgeizigen Sozial- und Wirtschaftsprogrammen, die zeitweise sogar international bewundert wurden. Auf Dauer aber wirtschafteten sie das Land in den Ruin: Eine Bürokratie aus teilweise korrupten und teilweise überforderten Parteikadern erdrückte die Wirtschaft, trieb Unternehmer scharenweise ins Exil und ließ die Infrastruktur verkommen. Heute geht es auch den Armen in Venezuela schlechter als zuvor. Die interessante Frage betrifft daher nicht Maduros Reform, sondern lautet: Wie lange kann sich eine Regierung an der Macht halten, nachdem sie die Volkswirtschaft so kräftig gegen die Wand gefahren hat?