"Wie ein Dirigent ein großes Orchester, so bändige ich mein Instrument", sagt der 13-Jährige mit dem alterslosen Selbstbewusstsein, das Menschen haben, die sich für eine Sache vollkommen begeistern. Der junge Schlaks mit langen Beinen und noch längeren Fingern spielt Kirchenorgel. Eine seltsame Ausnahme von der Regel, nach der sich junge Leute nur noch für die Playlist auf dem Tablet oder allerhöchstens für E-Gitarre oder Schlagzeug interessieren? Ein ärgerliches Vorurteil. Auch die anderen, die mit der Urkunde in der Hand erzählen, was das Orgelspiel für sie bedeutet, erzählen mit leuchtenden Augen, wie sie auf Hochzeiten spielen oder sich so das Studium verdienen, endlich ein paar Stunden Ruhe haben, wenn sie in der leeren Kirche üben. "Das ist besser als jede Meditation", sagt eine Mutter mehrerer Kinder.

Die Orgel zieht unterschiedliche Menschen an. Das zeigt die Verleihung des Orgelstipendiums. Musik lieben sie alle. Dass der Orgelnachwuchs knapp ist, steht in jedem Text über den Mitgliederschwund der Kirchen, allerdings meist im hinteren Teil. Die an der Orgel sieht man nicht, man nimmt sie oft erst zur Kenntnis, wenn sie fehlen – oder einen dicken Fehler machen. "Evangelische Gottesdienste ohne Orgel sind wie Schwarzwälder Kirschtorte ohne Sahne", sagt am Rande der Preisverleihung eine junge Frau und beißt fröhlich in ihr Kuchenstück.

Klar, es gibt mittlerweile zum Glück auch Popmusik in der Kirche, die sich hören lassen kann, es gibt gute Bands, die in Gottesdiensten spielen. Doch die meisten wollen, wie die Chöre, einen Solo-Auftritt. Die Orgel kann das auch: glänzen, überwältigen, zu Tränen rühren. Organistinnen und Organisten haben es in den Händen und Füßen, wie die Stimmung in einem Gottesdienst wirkt. Sie können sogar eine schlechte Predigt ausgleichen. Meistens ordnet die Orgel sich aber unter. Sie trägt den Gesang und stützt die dünnen Stimmen. Sie motiviert und treibt an, beruhigt und ermutigt.

Viele, die eine Kirche besuchen, haben zu dem Mann oder der Frau an der Orgel kein Gesicht. Trotzdem sind sie nicht nur musikalische Deko, nicht die künstliche Kirsche auf der Torte. Sie halten den Gottesdienst zusammen, geben der Liturgie Zusammenhang, führen die Gemeinde von Teilstück zu Teilstück. Deshalb ist so ein Orgelstipendium wichtig. Damit die, die den Gottesdienst mit dem Rücken zur Gemeinde gestalten, Unterstützung bekommen. Sie verdienen eine gute Ausbildung, sie verdienen aber ab und zu auch Aufmerksamkeit. Wie wäre es, wenn am Sonntag ein paar von uns die steilen Stufen zur Orgelbank hochklettern und "Danke" sagen?