Dieser Tage ist er 80 Jahre alt geworden. Deshalb ist Otto Rehhagel noch einmal auf die Bühne getreten und hat eine Art Trainertestament verfasst. "Der Ball muss ins Tor", sagte er einer großen applaudierenden Gratulantenschar. Alles andere sei "Kokolores". All die Diskussion um "falsche Sechser", "krumme Zehner", diesen Kampf der miteinander konkurrierenden Systeme – er könne das alles nicht mehr hören. Hat Rehhagel recht mit seinem Befund?

Ja. Allerdings blendet der Europameister (Griechenland!) aus, was unweigerlich folgt, wenn der Ball nicht ins Tor geht. Die matt geschossene Kugel ein ums andere Mal am gegnerischen Kasten vorbeisegelt. Das ist doch wohl auch Kokolores, oder? Und was empfiehlt Rehhagel eigentlich, wenn alles aus ist, etwa nach einem Vorrunden-K.-o. bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland?

Das fragt sich so leicht. Die vergangenen zehn Wochen haben gezeigt, dass das Finden einer Antwort ungleich schwerer ist. Nach dem Aus mahnten die Verantwortlichen im DFB dringenden Veränderungsbedarf an. Eigentlich sollte sich alles ändern, inhaltlich und personell. Zwischendurch sah es sogar danach aus, die WM-Schmach könnte einen Spitzenmann, gar den Präsidenten, aus dem Amt fegen. Allein der Bundestrainer hielt sich aus der Diskussion heraus. Ein Versuch der Sedierung in alle Richtungen? Vielleicht hätte er gerne etwas gesagt, aber dann fand er die richtigen Worte nicht und ließ es lieber sein.

War es "das Thema Özil", dessen mediale Wucht alle DFB-Reformdebatten in den Schatten stellte? Mittlerweile scheint sich im Verband die Bereitschaft zur Selbstkritik pulverisiert zu haben. Wo auch immer der Bundestrainer während seiner Roadshow bei DFB und DFL auftaucht, schlägt ihm wieder die vertraute Verehrung entgegen. Seine Analysen hinter verschlossenen Türen scheinen zu begeistern, die Visionen zur taktischen Neuausrichtung Hoffnung zu machen. Was Joachim Löw in den vergangenen zehn Wochen seiner Abwesenheit durchgemacht und woran er ernsthaft gedacht hat – Fußballdeutschland wird es vielleicht nie erfahren.

Nach der Rückkehr aus Moskau hat Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt sein Amt niedergelegt, Mesut Özil will nicht mehr zur Verfügung stehen. Andere Spieler der Nationalmannschaft, deren Rücktritt erwartet und vielleicht auch erhofft wurde, lassen sich die Option offen, wieder mitzumachen. Eine Zäsur sieht anders aus, eher hat es den Anschein: Der Berg kreißte und gebar eine Maus.

Bei diesem Verbrüderungstempo in den Reihen des DFB kommt nicht jeder mit. Kann die knallharte Analyse damit zu Ende sein? Der Spiegel wollte in letzter Minute eine Spannung zwischen verschiedenen kulturellen Grüppchen in der Nationalelf verantwortlich machen. Eine "Kartoffel"-Fraktion um Thomas Müller habe sich mit einer "Kanaken"-Fraktion um Jérôme Boateng nur schwer zu einer Mannschaft formen lassen. Aber hat dies die WM vermasselt? Nationalspieler Ilkay Gündoğan hat das in einem Interview dementiert.

Der Ball muss ins Tor! Am besten fängt die deutsche Nationalmannschaft am 6. September im Länderspiel gegen Weltmeister Frankreich damit an. Wenn nicht? Dann war alles, was in den letzten Tagen vom DFB zu hören war, nur Kokolores.