Peter Hyballa, 42, schickt als Nachricht nur eine Adresse aufs Handy, Alžbetínske námestie 2, und fragt: "15 Uhr?" Es ist ein ehemaliges Hotel aus ČSSR-Zeiten, das als Vereinsgebäude seines Arbeitgebers DAC Dunajská Streda dient, des Clubs aus dem Süden der Slowakei. Das Mobiliar erinnert an das einer alten Parteizentrale. Ein paar Kilometer weiter am modernen Trainingszentrum entsteht der neue Funktionstrakt für die Profimannschaft. Hyballa, der neue Cheftrainer, soll vor allem junge Spieler entwickeln. Der Deutsch-Holländer hat einst Mario Götze für den Profifußball geformt. Als A-Jugend-Trainer von Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg hat er Endspiele um die Deutsche Meisterschaft bestritten.

DIE ZEIT: Der deutsche Fußball soll wieder mehr kreative Dribbler hervorbringen, freche Individualisten. Das hat angeblich auch Joachim Löw beim WM-Krisengipfel mit Vertretern der Bundesliga zum Ausdruck gebracht. Kommt Ihnen die Forderung bekannt vor?

Peter Hyballa: Natürlich. Das habe ich schon vor Jahren gesagt.

ZEIT: Sie sind Mitautor eines Lehrbuchs für Übungsleiter mit dem Titel Trainer, wann spielen wir?. Darin beklagen Sie, die Dribbler seien ausgestorben.

Hyballa: Ich will mich nicht selbst loben. Aber ich habe schon öfter etwas geschrieben, was dann drei Jahre später up to date war. Komisch. Wissen Sie, ich bin nämlich auch Individualist. Fußball ist für mich auch Individualsport. Man schießt für sich allein, muss den Zweikampf allein bestreiten. Das will nur kaum einer wahrhaben. Neulich hatte ich eine Diskussion mit Trainern über das Tattoo des Dribblers Leroy Sané.

ZEIT: Der deutsche Nationalspieler von Manchester City hat sich ein Bild von sich selbst in Jubelpose auf den Rücken stechen lassen.

Hyballa: Und ich war der Einzige, der sagte: Ist das geil! Was für ein mutiger Typ. Und die anderen regten sich auf. Warum? Weil Leroy aus der Norm fällt. Ich sage Ihnen etwas: Wir wollen in Deutschland die Individualisierung doch gar nicht. Denn wenn wir auf dem Platz wieder Individualisten haben wollen, brauchen wir auch Individualisten als Nachwuchstrainer.

ZEIT: Und die haben wir nicht?

Hyballa: Man will sie nicht haben. Ich bin mal als Jugendtrainer bei einem Bundesligaclub nach einem Tor vor Freude auf den Knien gerutscht. Da kam der Jugendkoordinator und wies mich zurecht: Das möchten wir hier nicht. Es fängt doch schon bei den Trainerausbildern an. Da sehen Sie nur Stützpunktkoordinatoren und langjährige Verbandstrainer, die nicht über Jahre täglich eine Mannschaft trainiert haben. Die Trainerausbilder müssen heute auch alle Sport studiert haben. Warum eigentlich? Sie sollten das Trainerleben studiert haben.

ZEIT: Sie waren als Trainerausbilder beim DFB. Im Juli haben Sie nach sieben Wochen hingeschmissen, um in die Slowakei zu gehen. Warum?

Hyballa: Ich mache seit 20 Jahren Trainerfortbildungen in der ganzen Welt. Ich war in Honduras, Island, Südafrika, Belgien, Holland. Nächsten Monat referiere ich hier bei einem Trainerkongress in der Slowakei. Ich bin ganz gut darin. Aber beim DFB habe ich eines unterschätzt: Ich muss Häuptling sein. Ich muss führen dürfen. Darauf hätte ich pochen müssen. Mir hat auch einfach eine Mannschaft gefehlt. Vielleicht war ich zu ungeduldig. Man muss in Deutschland einen Cheftitel haben, wenn man etwas verändern will. In Deutschland ist der Chef das Heiligste. Hierarchie ist alles.

ZEIT: Das gefällt Ihnen nicht?

Hyballa: Meine Mutter ist ja Holländerin, mein Vater war lange Seemannspastor im deutschen Seemannsheim in Rotterdam. Sie haben versucht, mich so zu erziehen, dass mein Chef der liebe Gott ist.

ZEIT: Sie waren arbeitslos, als das DFB-Angebot kam.

Hyballa: Ich war verzweifelt. Ich hatte 13 Monate lang keinen Trainerjob gefunden. Ich habe in der Zwischenzeit fürs holländische Fernsehen gearbeitet, auch als Barkeeper in Malta.

ZEIT: Beim DFB hatten Sie den Teilnehmern der Trainerlehrgänge bestimmt einiges zu erzählen.

Hyballa: Ich stellte fest, dass ich viel mehr Trainererfahrung habe als andere Ausbilder dort. Klar, ich hätte erzählen können, wie es sich anfühlt, wenn man mit der heillos unterlegenen Mannschaft von NEC Nijmegen im Spiel bei Ajax Amsterdam zur Pause mit 0:4 hinten liegt. Wenn sich dann sieben Spieler auswechseln lassen wollen, weil sie Angst haben. Drei Spieler sich übergeben müssen. Solche Geschichten müssten die Trainer hören.

ZEIT: Was hätten Sie verändert, wenn Sie in einer Chefposition gewesen wären?

Hyballa: Wir brauchen in der Ausbildung Leute aus der Wildnis. Das muss sich ändern. Wir brauchen da Praktiker. Paradiesvögel. Trainer aus der Wildnis sind sieben- oder achtmal entlassen worden. Warum holt man nicht Leute wie Ewald Lienen, Pele Wollitz oder Uwe Erkenbrecher in die Trainerlehrgänge? Und zwar nicht bloß für ein einmaliges Gastreferat. Es darf auch einer sein, der 15 Jahre lang in der Oberliga trainiert hat. Das ist auch Wildnis.

ZEIT: Ist Deutschlands Ausbildung zu theoretisch?

Hyballa: Da kommt ein Psychologe in den Lehrgang, der noch nie eine Mannschaftskabine gesehen hat, und hält einen Vortrag. Davon lernen die Trainer doch nichts. Verstehen Sie mich nicht falsch: Diese Uni-Leute mit ihrem sportwissenschaftlichen Background sind auch wichtig. Sie haben den Fußball bereichert. Früher zu meiner Anfangszeit ließen die Clubs ja nur Ex-Profis an die Trainerjobs, da hatten wir in Deutschland entsprechend methodisch-fachliche Defizite. Ein Manager sagte einmal zu mir: Sie mögen inhaltlich besser sein, aber Sie haben bei uns als Trainer keine Chance, weil Sie keinen Namen als Spieler hatten.