Peter Hyballa sieht sich in einer Reihe mit Thomas Tuchel, dem heutigen Coach von Paris Saint-Germain, mit dem Freiburger Christian Streich und anderen, die man die frühen Konzepttrainer nannte. Hyballa hat bei dem slowakischen Club gleich aufgeräumt. Einen Sturmroutinier suspendierte er nach einem Trainingszwischenfall, nun lässt er die Jungen ran. Die Spieler kommen aus Panama, der Elfenbeinküste, Ungarn, der Ukraine, Tschechien.

ZEIT: Sie gehörten zu den Pionieren der sogenannten Konzepttrainer im Jugendbereich. Waren das die besonders fleißigen?

Hyballa: Bei einem Bundesligaverein kam mal ein Cheftrainer zu mir und sagte: Sie müssen morgen die zweite Mannschaft von Energie Cottbus sichten, wir haben ein Pokalspiel gegen die. Okay, antwortete ich. Wenn man das heute einem Jugendtrainer sagt, fragt der zuerst: Was kriege ich? Habe ich ein Auto? Heute haben die Nachwuchstrainer das Feuer nicht mehr. Ich habe aber auch von Benno Möhlmann, von Eric Gerets gelernt. Das waren die Old-School-Trainer. Aber sie waren noch echte Chefs. Ich finde ja, den heutigen Konzepttrainern fehlt ein bisschen der Sex. Verstehen Sie, was ich meine? Es muss nicht Strenge sein. Aber: Persönlichkeit.

ZEIT: Als Absolvent des DFB-Trainerlehrgangs waren Sie 2005 mit 29 Jahren der Jüngste. Eine aufregende Zeit?

Hyballa: Wir waren die Jugendtrainer der Nullerjahre, Norbert Elgert, Christian Streich, Thomas Tuchel, Sascha Lewandowski, Markus Kauczinski. Wir haben den Weg bereitet für die heutigen Konzepttrainer Domenico Tedesco, Julian Nagelsmann. Vorher war Jugendtrainer ja fast ein Schimpfwort gewesen. Wir haben wenig verdient. Ich bekam 3000 Euro brutto bei einem großen Bundesligaclub, als studierter Sportwissenschaftler. Wir haben es aus Leidenschaft gemacht. Wir dachten, wir müssen noch mehr arbeiten, um eine Chance zu bekommen, Bundesligatrainer zu werden. Noch frecher sein, noch mehr ins Ausland gucken. Und Revoluzzer sein. Wir waren noch nicht so strukturiert, wir waren wild.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Hyballa: Unser Konzept war das Trainer-Spieler-Verhältnis. Nach der Krise des deutschen Fußballs 2000 hat der DFB schöne neue Strukturen angelegt. Die Strukturen haben Einheitlichkeit und Stromlinienförmigkeit hervorgebracht. Individualität im Nachwuchsbereich war passé. Es gab nur noch die Gemeinschaft.

ZEIT: Wo zum Beispiel?

Hyballa: Bei einem süddeutschen Bundesligaclub wurden den Spielern Tattoos verboten. Die Nachwuchsleistungszentren sind doch inzwischen Studenten-WGs geworden. Da sitzen 25-jährige Jugendtrainer und halten sich für eine Mischung aus Tedesco und Pep Guardiola. Jeder B-Lizenz-Inhaber denkt: Ich werde Bundesligatrainer. Aber dann bringt er dem kleinen Peter nicht mehr das beidfüßige Schießen bei. Dann will der Trainer nur noch Spiele gewinnen, um auf sich aufmerksam zu machen. Und Klein-Peter wird auf die Bank gesetzt. Die ganze Taktik ist auf mannschaftliche Geschlossenheit ausgerichtet.

ZEIT: Weil das schneller eingeübt werden kann, als Peter das Dribbeln zu lehren?

Hyballa: Es geht nur noch ums Schwarmverhalten, alle sind gleich wichtig. Bloß kein Dribbling machen, lieber den Spielzug abbrechen. Auch dieses ganze Teambuilding mit gemeinsamen Rafting-Ausflügen und so weiter, das wurde alles überstrapaziert. Individualisten wollen ein bisschen allein sein. Oder sie wollen Liebe.

ZEIT: Junge Spieler bekommen keine Liebe mehr?

Hyballa: Der Spieler wird nicht mehr gelobt, es wird die Mannschaft gelobt. Mir hat mal ein vorgesetzter Trainer gesagt: Bitte nie die Spieler mit Namen kritisieren. Sag die Nummer für die Spielposition – der Sechser, der Neuner. Wissen Sie, früher hatten wir eine Beziehung zu den Spielern. Da konnte man mal sagen: Reiß dir den Hintern auf! Heute wird gesagt: Bitte lauf doch mal in diesen Raum. Schon die ganze Sprache ist so beziehungslos geworden. Abklemmen, fallen lassen, sinken. Ankerspieler. Wenn Sie eine Beziehung eingehen, gibt es auch Streit. Es knallt auch mal. Mario Götze hat mich manchmal gehasst.

ZEIT: Hatten Sie es schwer mit ihm in der Dortmunder Jugend?

Hyballa: Individualisten sind Raubtiere. Man muss sie ein bisschen lassen. Man muss sie fühlen. Da hilft dir die Wildnis. Den Mario habe ich nicht viel nach hinten arbeiten lassen. Die Sechser dahinter mussten für ihn laufen. Dafür musste Mario dann aber auch etwas Spektakuläres bringen.

ZEIT: Worin sind deutsche Nachwuchstrainer heute schlecht?

Hyballa: Wir haben Probleme mit Feldtrainern. Das sind die, die das Training auf dem Feld machen. Bei Besprechungen, bei allem, was im geschlossenen Raum passiert, sind wir gut. Da sind die Trainer besser als wir früher. Aber wir waren auf dem Feld besser. Wir haben intensiver trainiert. Wir waren härter. Heute passen alle auf, dass sich niemand verletzt. Aber es ist auch schwierig geworden: Wenn Sie heute als Coach eine harte Ansprache machen, haben Sie umgehend die Eltern und Berater des Spielers bei sich im Trainerbüro. Oder beim Jugendkoordinator. Oder gleich beim Vereinsmanager.

ZEIT: Schadet das Beraterumfeld manchmal der Entwicklung der jungen Talente?

Hyballa: Es hat sich etwas verändert. Wenn früher ein Spieler schlecht war, hat dessen Umfeld ihm gesagt: Du musst mehr trainieren. Wenn heute einer schlecht spielt, sagt das Umfeld: Der Trainer ist schlecht.