Vielleicht, meint einer aus der Spitze der Bundesregierung am Dienstag, müsse man überlegen, das Waffengesetz zu ändern, um Taten mit Messern anders, härter zu bestrafen. Es ist der ziemlich hilflose Versuch, irgendwie einen politischen Zugriff an das zu bekommen, was in diesen Tagen in Chemnitz passiert ist.

Ein sächsischer Exzess, schon wieder.

Heidenau, wo vor drei Jahren ein rechter Mob ein Flüchtlingsheim belagerte, fällt den Berliner Akteuren wieder ein. Und Dresden, wo Kanzlerin und Bundespräsident vor zwei Jahren bei den Feiern zur deutschen Einheit einen wahren Spießrutenlauf durch aufgebrachte "Wutbürger" machen mussten – all das verdichtet sich zu dem unguten Gefühl, dass es um mehr geht als eine Ansammlung von Einzelfällen.

Ihn erinnere das an Hoyerswerda, Mölln, Solingen, sagt am Dienstagmittag ein Bundesminister und stellt sich selbst die bange Frage: Was ist da im Osten passiert?

"Es fühlt sich an, als ob sich da etwas abgekoppelt hat", beschreibt ein Abgeordneter der CDU das vorherrschende Gefühl. Etwas, zu dem man keinen Zugang findet. Vielleicht ist es ja auch eine gegenseitige Abkoppelung.

"Solche Zusammenrottungen, Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft, oder der Versuch, Hass auf den Straßen zu verbreiten, nehmen wir nicht hin", erklärt Angela Merkels Sprecher. Das soll nach Machtwort klingen, nach Entschlossenheit.

Doch schon wenig später wird klar: Die Sache ist noch nicht vorbei. Während am Montagabend in Chemnitz der Mob tobt, tafelt Kanzlerin Angela Merkel gut gelaunt mit nordrhein-westfälischen Abgeordneten, Teilnehmer loben die sagenhafte Entspanntheit der Kanzlerin. Spätestens am Dienstagmorgen ist es damit vorbei.

Als offenbar wird, dass wieder Rechtsradikale durch Chemnitz marschieren. Dass wieder Böller und Glasflaschen fliegen. Dass wieder, die zweite Nacht in Folge, die Polizei unterlegen erscheint, überfordert, desorientiert. Zeitungen werden es "Staatsversagen" nennen, Spiegel Online wird schreiben, dass eine Stadt den Rechten überlassen worden sei.

Chemnitz - So erlebten Reporter die Ausschreitungen Die Polizei ist gegen die rund 5.000 rechten Demonstranten nicht angekommen. Das zeigen Aufnahmen von Reportern, die mit Helm und Sicherheitspersonal unterwegs waren. © Foto: Thomas Victor

Wie konnte sich die Stimmung in einer mittelgroßen Stadt von 240.000 Einwohnern derart aufheizen, über Tage? Woher kommt so viel Hass, Wut, Wille zur Eskalation? Und hat der Staat tatsächlich versagt, wenigstens für Stunden?

Um eine Ahnung davon zu bekommen, was geschehen ist, muss man die Zeit zurückdrehen, auf den vergangenen Samstag, hinein in den vorerst letzten friedlichen Moment in dieser Stadt. Chemnitz feiert seinen 875. Geburtstag. Vor Mitternacht spielt die Band Mr. Feelgood. Hunderte Menschen, das kann man später auf Fotos und Videos sehen, singen und tanzen. Die Stimmung ist ausgelassen.

Noch gibt es nur wenige gesicherte Erkenntnisse über das, was dann geschieht, gegen drei Uhr morgens bei der Sparkassenfiliale in der Brückenstraße, nicht weit entfernt vom Karl-Marx-Monument (im Volksmund "Nischel"). Fest steht bislang nur, dass der 35-jährige Daniel Hillig um diese Zeit noch unterwegs ist, in Begleitung zweier Männer, 33 und 38 Jahre alt. Die Männer treffen auf eine andere Gruppe, ihr gehören laut Polizei ein 23-jähriger Syrer und ein 22-jähriger Iraker an. Es entspinnt sich, so teilen die Ermittler später mit, ein "verbaler Disput", dann eine "tätliche Auseinandersetzung", in deren Folge der Syrer und der Iraker mit einem Messer auf Hillig einstechen; auch dessen zwei Begleiter verletzen sie, einen schwer. Daniel Hillig stirbt noch in derselben Nacht.

Was zum Streit geführt hat, wie er ablief, all das ist noch unklar. Keinerlei Hinweise – das wird später wichtig, und das versichern die Behörden – gebe es darauf, dass sich der Streit um eine Frau gedreht haben könnte. Die Ermittler befragen jetzt permanent Zeugen, nicht jeder davon ist vertrauenswürdig: Es war sehr viel Alkohol im Spiel. Die wichtigsten Zeugen sind schwer verletzt. Hillig selbst hat sich vor seinem Tod offenbar noch geäußert, wenn man die Polizei richtig versteht, erlebte er den Übergriff als überfallartig.