Am Sonntag kursieren zwei offizielle Demonstrationsaufrufe: einer von der AfD, einer von "Kaotic", einer rechtsradikalen Fangruppe des Chemnitzer FC, der seit Längerem Stadionverbot hat: "Unsere Stadt – unsere Regeln! Wir fordern ALLE Chemnitz Fans und Sympathisanten auf sich mit uns heute den 26.08.2018 um 16:30 vorm Nischel zu treffen! Lasst uns zusammen zeigen wer in der Stadt das Sagen hat! Ehre Treue Leidenschaft für Verein und HEIMATSTADT".

Fanforscher sagen, Gruppen wie "Kaotic" seien in ein engmaschiges rechtsradikales Netzwerk der Hooliganszene eingebunden, es gebe große Schnittmengen mit der Kampfsport- und Rechtsradikalen-Szene. In diesem Dunstkreis gelingt die Mobilisierung: Während die AfD-Demo gerade 100 Leute anzieht und laut Polizei friedlich verläuft, entwickelt sich der Aufmarsch von "Kaotic" zu jenem Schock, der die Republik erschüttert: 800 Demonstranten stehen am Sonntagnachmittag ein paar Dutzend Polizisten gegenüber; Videoaufnahmen zeigen brüllende Brutalos. Man sieht, wie die Demonstranten unbeeindruckt von der Polizei angreifen und Beamte zu Boden werfen. In einem Amateurvideo sieht man eine rechte Horde wahllos hinter Personen herlaufen, die sie für Migranten halten; sie hetzen sie durch die Stadt, rufen: "Haut ab", "Was ist denn, ihr Kanacken?".

Sachsens Polizei wächst schon diese erste Demo über den Kopf. Ein Sprecher erklärt später, es habe zeitgleich mehrere Fußballspiele gegeben, und Beamte hätten gefehlt. Die Geschwindigkeit, in der sich eine kritische Masse mobilisieren ließ, überrascht die Polizei, ebenso deren Gewaltbereitschaft. Zum Glück sind nicht mehr ganz viele Leute in der Stadt, das Stadtfest wurde rechtzeitig abgebrochen, die Besucher heimgeschickt.

Der Polizei-Tweet, dass "es nach jetzigem Ermittlungsstand" keine Anzeichen gebe, dass der Streit an der Sparkasse mit einer Frau zu tun habe, wird zu spät abgesetzt, um die Demonstranten noch zu erreichen. Fast flehentlich twittert die Polizei: "Bitte beteiligt euch nicht an Spekulationen!"

Der Eindruck verfestigt sich: Die Polizei hat die marodierenden Nazis nicht unter Kontrolle, ein Mob jagt Menschen, Gerüchte können nicht mehr eingefangen werden. Und die AfD schwankt zwischen Mäßigen und Aufstacheln.

Der AfD-Abgeordnete Hütter sagt, er habe selbst dafür gesorgt, dass seine Leute nicht zur Hooligan-Demo gehen: "Ich wollte deeskalieren." Um zu verhindern, dass sich die Seinen den Falschen anschließen, habe er eine eigene Kundgebung organisiert. Weil die AfD ohnehin beim Stadtfest einen Stand hatte, entschied er, sich dort zu versammeln und dann Blumen am Tatort abzulegen.

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier äußerte sich anders. Noch am Sonntag twitterte er: "Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selber. Ganz einfach! Heute ist es Bürgerpflicht, die todbringende ›Messermigration‹ zu stoppen!"

Es gibt in ganz Deutschland Menschen, die das widerlich finden, darunter auch Freunde des Toten, Daniel Hillig. Das Verbrechen an dem Familienvater aus Chemnitz eignet sich schwerlich für rechte Vereinnahmung, Hillig war nicht das, was sich ein strammer AfD-Politiker unter einem echten Deutschen vorstellt: Sein Vater stammte aus Kuba, Hilligs dunkle Haut fiel in Chemnitz auf, und politisch hielt er offenbar auch nicht viel von der AfD. Auf seiner Facebook-Seite markierte er Sprüche wie "Die Nationalität ist völlig egal! Arschloch ist Arschloch!" mit "Gefällt mir". Einmal teilte er einen Spruch, der den Islam verteidigt und mit dem Satz endet: "ISIS ist nicht der Islam, Terrorismus hat keine Religion!" Dazu kommentierte er: "Wahre Worte!"