Ein russischer Mann, so will es die Statistik, hat im Schnitt 67 Lebensjahre zu erwarten, kann mit 14.000 Rubel Rente rechnen, das sind 184 Euro, und muss sich im Alter mit zwei Erkrankungen herumschlagen.

Boris Schadrin pfeift auf die Statistik. Er ist 72 und bekommt vom Staat 20.000 Rubel, 260 Euro. Weil er in der Schwerindustrie an Hochöfen malochte, durfte er schon mit 50 Jahren in Rente gehen, arbeitete wie knapp die Hälfte der Älteren weiter, bis die Firma 2009 zumachte. Dass seine vier Kinder bald länger schuften müssen, bevor sie Rente bekommen, hält er für Betrug an den Russen, den er zu verhindern sucht. Schadrin, klein, schwielige Hände, ausladender Bauch und ein Gesicht wie Nikita Chruschtschow, will auf eine Demonstration in seiner Heimatstadt Nischni Tagil, die seine kommunistische Partei organisiert hat, und Unterschriften sammeln gegen dieses Vorhaben, das sich die russische Regierung überlegt hat. In einem Stufenmodell soll das Rentenalter in Russland – für Frauen liegt es bei 55 Jahren, für Männer bei 60 – vom kommenden Jahr an erhöht werden: um acht Jahre bei Frauen und um fünf bei Männern.

"Die meisten Männer werden längst das Zeitliche gesegnet haben, bevor sie in Rente gehen", meint Schadrin und steigt in die Tram, die sich durch Nischni Tagil schlängelt, etwa 1800 Kilometer östlich von Moskau im Ural gelegen. 350.000 Einwohner, ein prächtiges Theater, Häuser aus der Jahrhundertwende, bekannt jedoch für seine Panzerproduktion, seine Gefangenenlager im Zweiten Weltkrieg und die vielen Fabriken, die die Stadt säumen.

90 Jahre lang hat man das Rentenalter in Russland nicht angehoben. Mehrmals wurde das System reformiert, der Pensionsfonds verändert, die Renten erhöht, der Inflationsausgleich eingefroren, aber eines blieb immer gleich: die Rente. Bis jetzt.

Die Russen würden immer älter, begründet die Regierung ihre Reform, es gebe heute schon mehr als 40 Millionen Rentner, der Pensionsfonds fresse 8,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, weise ein wachsendes Defizit auf und müsse aus dem Haushalt subventioniert werden. Deshalb sei die Reform schmerzhaft, aber unerlässlich. Bittere Medizin. Im Übrigen werde auch im Westen lange gearbeitet.

Seit Wladimir Putin an der Macht ist, steigt die Lebenserwartung in Russland stetig an und liegt mittlerweile bei 72,7 Jahren. Doch ein Rentner lebt in Moskau anders als in einem sibirischen Dorf oder in einer Industriestadt wie Nischni Tagil.

In Moskau wird ein Mann statistisch fast 73 Jahre alt. Er hat in seinem Arbeitsleben mehr verdient als das landesweite Durchschnittsgehalt von 45.000 Rubel, 592 Euro, und bezieht mehr Rente. Er bekommt Zuschüsse von der Stadt, die höher liegen als in der Provinz, und darf kostenlos Bahn und Bus fahren. Er wird von einem neuen Pilotprojekt unterhalten: "Moskau des langen Lebens". Rentner sticken im Park Tücher und Puppen, lernen Englisch und wie Computer zu benutzen sind, sie tanzen Tango oder verbiegen sich beim Yoga. Drei Milliarden Rubel, 40 Millionen Euro, gibt die Stadt Moskau kurz vor der Bürgermeisterwahl dafür aus.

In Nischni Tagil hingegen muss ein Mann wie Boris Schadrin die Hälfte seines Tickets für die Tram selbst zahlen. Männer sterben hier statistisch gesehen mit 62 Jahren. Von zwölf Jungs aus Schadrins Schulklasse sind acht tot. "Männer eben", meint Schadrin.

Die Tram zieht an Fabriken vorbei, die die Stadt mit Arbeit versorgen, am Stahlwerk, an der Rüstungsfirma, an der Betonfabrik. "Krebs wächst hier so häufig wie im Westen Pilze", sagt er und lacht. Manchmal hängen rosa und grünliche Wolken am Himmel. Gäste, die nicht an die Luft gewöhnt sind, begrüßt die Stadt mit Kopfschmerzen. "Naphtalin", sagt Schadrin, ein giftiger Kohlenwasserstoff.

Eigentlich könnte ihm die Rentenform egal sein, er profitiert ja sogar davon: Von Januar an sollen die Renten um 1.000 Rubel monatlich erhöht werden, 13 Euro. "Wranjo!", findet Schadrin: Alles Lüge. Das Wort ist derzeit oft auf den kleinen Demonstrationen zu hören, die sich im ganzen Land formieren. Die 1.000 Rubel reichten nicht mal, um die Inflation und die Preissteigerungen der vergangenen Jahre auszugleichen. Da sucht sich eine Wut ihren Weg, die nicht nur mit der Rentenerhöhung zu tun hat.