Im Bauch eines verrosteten Schiffes, hinter ihm ein ganzes Ensemble von Musikern, begrüßt Samy Deluxe sein Publikum. "Wenn ihr ready seid", sagt er, dann könne es losgehen. Die Leute johlen, irgendwer ruft: "Sind wir." Samy: "Ich meinte meine Band, nicht euch. Ihr seid nur Statisten."

Das ist Samy Deluxe, wie man ihn kennt: Arrogant und schlagfertig, aber irgendwie auch immer charmant dabei. Der Typ, der den deutschen Hip-Hop zusammen mit Bands wie den Beginnern oder Freundeskreis groß gemacht hat. Der Typ, der am liebsten darüber rappte, dass er besser rappen und mehr Gras rauchen konnte als die anderen, was, weil es einfach stimmte, auch niemand in Zweifel zog. Überhaupt hatte man beim Hören seiner Texte immer das Gefühl, dass man diesem genialen, aber leicht paranoiden Künstler zu huldigen hatte, ihn ansonsten aber besser in Ruhe ließ. "Sprecht mich bitte nicht an, ich rede nicht gern, hab ständig so ein Gefühl, als ob alle gegen mich wären", reimte er 2001 auf seinem ersten Soloalbum.

Nun, 17 Jahre später, erscheint an diesem Freitag sein MTV-Unplugged-Album, aufgenommen auf dem Museumsschiff MS Bleichen im Hamburger Hafen. Weil Samy Deluxe, wie er selbst mal gerappt hat, halbherzige Komplimente nicht duldet, sei an dieser Stelle gesagt: Es ist ein gelungenes, ja ein großartiges Album.

Das liegt am Rapper selbst, der sich, künstlerisch gereift, neu interpretiert. Und das liegt an einem ganzen Ensemble von Musikern und unfassbar vielen Gästen, darunter Jan Delay, Max Herre, Afrob, Megaloh, Xavier Naidoo, Kool Savas, Torch, Patrice, Chefket, MoTrip. Der alte Reflex funktioniert noch immer: Wenn Samy Deluxe ruft, kommen alle.

Das Album macht aber auch neugierig auf den Menschen, der aus Samy Deluxe nach all den Jahren geworden ist. Vielschichtiger, an manchen Stellen auch persönlicher sind die Texte im Vergleich zu seinem Frühwerk. In Haus am Meer, einem der neueren Songs, fragt er, mittlerweile 40: "Wie viele Jahre kann ich als Rapper noch relevant sein?" Die Zeilen danach klingen ungewohnt traurig: "Die Zeit läuft ab, heute bin ich schon nach einem Joint platt, ich fühl mich oft, als ob ich kein’ Freund hab."

Wer ist dieser Samy Deluxe, den so viele kennen, aber kaum einer wirklich? Zwar hat er über all die Jahre viele Interviews gegeben, in denen er über alles Mögliche sprach: das Kiffen, seine Musik, Steuerschulden, Rassismus; aber es gibt, und das ist erstaunlich bei einem so bekannten Künstler, kein einziges größeres Porträt. Länger als ein oder zwei Stunden hat sich offenbar noch kein Journalist mit ihm beschäftigt.

Besucht man ihn zu Hause, steht man etwas außerhalb von Hamburg nicht vor einer Villa, sondern vor einem roten, klobigen Flachbau, mitten im Gewerbegebiet. Hier wohnt Samy Deluxe, hier entsteht seine Musik. Drinnen, im Studio, sieht es aus wie auf einem Hip-Hop-Wimmelbild: Schallplatten, Cappies, alte Tapedecks, Turnschuhe und allerlei seltsame Figuren aus Plastik und Pappmaschee. Der Hausherr hat seinen eigenen Kosmos aufgebaut. Auf dem Unplugged-Album gibt es einen Song, Fantasie Pt. 1, in dem die sieben Zwerge seinen Rasen mähen, sein Grasdealer Gargamel heißt und Darth Vader sich als sein Vater entpuppt. Man kann sich gut vorstellen, wie Samy sich die Fabelwesen in diesem Studio herbeigeschrieben hat.

Es ist ein Ort, den er selbst erschaffen hat, auch um sich vor den ganzen Verrückten um ihn herum zu verstecken. Er kann das sehr selbstreflektiert erzählen. Da seien einerseits die anderen Künstler und Prominenten, die alle irgendwie extrem seien, vor allem wenn man sie ungefiltert erlebe, also ohne die disziplinierende Wirkung von Fernsehkameras. Und dann seien da noch die Normalos, die sich seltsam verhielten, sobald sie ihn irgendwo entdeckten, laut seinen Namen riefen und, ohne sich überhaupt vorzustellen, Selfies mit ihm machen wollten. "Ich kenne alle Facetten des Wahnsinns."

Das klingt lustig, soll es auch sein. Aber das ist es nicht nur. Das Show-Business, sagt Samy, mache einsam. Aus seiner Schulzeit sei ihm ein einziger Freund geblieben. Er, der so gerne darüber rappt, dass er der Beste sei, versucht im Gespräch gar nicht erst, sein Leben besser darzustellen, als es ist. Immer schon, sagt er, habe er sich als Außenseiter gefühlt. Als sein aus dem Sudan stammender Vater Deutschland verließ, war er zwei Jahre alt und von da an der einzige Farbige in seiner Familie. Heute lebt sein eigener Sohn bei seiner Ex-Frau in Amerika. In einem Song rappt Samy Deluxe darüber, dass sie in ihm einen "Geldautomaten" sehe. Er führt kein Bilderbuch-Leben. Aber eines, das ihn als Künstler inspiriert.