Was für ein Unterschied! Da ist Muttersterben, ein verstörender Text aus dem Jahr 2001 über den Tod der Mutter – und jeder Satz geht unter die Haut. Dieses Buch, in dem das Sterben der Mutter selbst nur 60 Seiten einnimmt, hat den Ruhm begründet, den Michael Lentz seither mit seinen Romanen Liebeserklärung und Pazifik Exil sowie mit mehreren Lyrik-Bänden verfestigt hat. Und da ist Schattenfroh, ein 1007 Seiten langes "Requiem", in dem Michael Lentz den Vater zu Grabe trägt – und kaum ein Satz springt einen an. Doch geht es hier wirklich, wie die Verlagsankündigung behauptet, um den Tod des Vaters?

Es geht zunächst einmal nur um das Buch als geschriebenen und gedruckten Text. Ein Buch, das sich offenbar von selber schreibt, auch wenn – das ist nicht eindeutig auszumachen – der Vater dieses Buch schreiben lässt und dabei dem Sohn, Michael oder auch Niemand genannt, die Feder führt. Dabei bleibt letztlich im Unklaren, ob es nicht doch eher eine Maschine ist, die da einen Text ohne Anfang und Ende, nämlich im Zeichen der konspirativen Zahl 666, der Zahl des Antichristen, des Tieres und der Offenbarung des Johannes, produziert.

Wer aber ist dieser Schattenfroh, der dem Buchprojekt den Namen gab, "von Gottes Gnaden Stadtoberer und allzeit Mehrer der Stadt, König von Orwellsradien, Dienerau, Devotfaseln und Zur-Ich-Enge usw.", der mal im Jahre des Herrn 1634, mal in den 1960er-Jahren oder auch aus dem Jenseits heraus Verordnungen religiöser oder juristischer Natur von sich gibt, Tyrann über Ritter und Reiche, über die "furchtbringende Gesellschaft" und die Stadt Düren und ganz besonders über den Sohn, der in einer Zelle hockt und pausenlos an diesem Buch schreibt?

Jedenfalls sitzt dieser Autor in einer Art Gefängnisturm, der von diversen Kafkaschen Türhütern bewacht wird, und ist gleichzeitig mit Siebenmeilenstiefeln durch Raum und Zeit unterwegs. Wir wandern mit ihm durch mittelalterliche Städte und Tübkesche Schlachtengemälde, durch endlose Galerien voller Kreuzigungsszenen, durch Miltons Paradies und Boschs Höllengemälde, durch Fotoalben aus dem vergangenen Jahrhundert, durch seine Heimatstadt Düren, die einmal im Dreißigjährigen Krieg, dann im Jahr 1944 und schließlich durch die Selbstbestrafungs-Ästhetik der deutschen Nachkriegsarchitektur völlig zerstört worden ist, und immer wieder hinein ins biblische "Gehenna, Hinmontal, Tal des Tötens", auch "Schlucht des Sohnes" genannt, wo einst Kinder geopfert wurden. Auf über hundert Seiten wird die ganze Geschichte des Buchdrucks rekapituliert, der Dekalog, besonders das fünfte Gebot, auseinandergenommen, wieder und wieder die Kreuzigung Christi heraufbeschworen. Besessen werden seitenlang Kryptogramme, Hegels Theologische Jugendschriften und Daniel Paul Schrebers Merkwürdigkeiten eines Nervenkranken zitiert – ein gemessen an dem enormen Anspielungsreichtum des Romans wohl reichlich rudimentäres Literaturverzeichnis wurde dankenswerter Weise eingefügt.

Irgendwann sind wir bei der "Trinität der Vergänglichkeit", bei Vater, Mutter, Kind, angekommen. Und hier wollen wir mal einen Augenblick bleiben.

"Das ist das Allertraurigste, keinen Vater und keine Mutter mehr zu haben", heißt es hier nämlich erstaunlich direkt. Doch ist diese Trauer, die im Roman Muttersterben in jeder Silbe spürbar war, im neuen Roman unter einem Riesengebirge hochabstrakter Vaterprosa beinah zu Grabe getragen worden. Nur wenn im Vaterbuch von der Mutter die Rede ist, kommt ausnahmsweise auch die reale Kindheit zur Anschauung. Im Beisein der Mutter wird die Erziehungshölle dieser prototypischen deutschen Nachkriegskindheit mit ihrem ererbten Eichenholzmobiliar, dem darin verstaubenden "guten Geschirr" und den von der Mutter eingeforderten und vom Vater ausgetragenen Prügel plötzlich konkret. So konkret wie die mehr als siebzig Seiten lange handgeschriebene Liste mit all den am 23. Dezember 1944 beim Luftangriff auf Düren umgekommenen und namentlich aufgeführten 3100 Menschen, denen Michael Lentz hier ein berührendes Denkmal setzt. Ist die Handschrift doch die einzige Spur des Leibes, die uns überdauert, sinnlicher Abglanz und "Abrieb der Seele", der bleibt. Für den Leser ist das ein Segen.

Zuweilen schrumpft allerdings auch der Vater auf menschliches Maß zusammen und wird zu einem schwer kranken Greis, der im Pflegeheim stirbt. Zu echter Trauer kann sich der Sohn jedoch auch dann noch nicht durchringen. Wenn nämlich der Vater, wie allenthalben behauptet, einerseits Luzifer, andererseits Gott und der Spiritus Rector dieses Buches ist, dann ist er unsterblich wie sein Sohn Jesus, der nur deshalb Michael heißt, weil der Vater in seiner Funktion als Obergerichtsschreiber es verboten hat, Kinder Jesus zu nennen. Das einzige Gesetz in diesem Roman, das nicht vom Vater stammt und das gleichwohl das Buch beherrscht, ist das Gesetz der ewigen Wiederkehr, das sich von Aelius Aristides‘ Orationes bis zu Giambattista Vicos Nueva Scientia, von der Bibel bis zu Niklas Luhmann und von da auch noch bis in alle Ewigkeit fortschriebe, wenn dieser überambitionierte Roman voller endloser Reflexionen, Verweise, Zitate und Anagramme nicht doch auf Seite 1007 enden würde.

Denn, um ehrlich zu sein, dieses "Requiem", das nicht weniger als unsere Sterblichkeit an und für sich betrauern will, ist das komplett ironiefreie Zeugnis einer vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Obsession. Ein je nachdem genialisches, wahnsinniges, finsteres oder albernes Buch, vor dem man nur ratlos kapitulieren kann.

Michael Lentz: Schattenfroh. Ein Requiem. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018; 1007 S., 36,– €, als E-Book 31,99 €