Welthandelskrieg, Nordkorea-Krise, Iran-Krise, Italien driftet nach rechts: Die Weltlage fordert vom Journalismus in diesem Jahr alle Reserven. Trotzdem haben sie im Spiegel-Verlag die Zeit gefunden, über Monate hinweg den Chefredakteur des Magazins zu demontieren und ihn vergangene Woche zu entlassen.

Die Flüchtlingsfrage reißt CDU und CSU beinah entzwei, im Mittelmeer ertrinken Hunderte Menschen, die AfD verroht die politische Sprache – aber der Spiegel-Verlag, lange Zeit ein Sturmgeschütz der Demokratie, richtet seine Waffen auch nach innen.

Verliert ein Spiegel-Chefredakteur seinen Job, geht es stets um Macht – und um gute oder schlechte Titelgeschichten. Aber in diesem Fall lässt sich auch nachzeichnen, wie schwer es ist, ein Medium durch den digitalen Wandel zu steuern und daran nicht zu scheitern.

Es war ein Abend im späten März, an dem Klaus Brinkbäumer, Chefredakteur des Spiegels und Herausgeber von Spiegel Online, seinen Job vielleicht noch hätte retten können. Im Restaurant Vlet in der Hamburger Speicherstadt saßen ihm drei Menschen gegenüber, die in dieser Frage erhebliche Macht besitzen: der Verlagsgeschäftsführer Thomas Hass und zwei Vertreter der Mitarbeiter KG, Susanne Amann und Martin Doerry. Dazu muss man die einzigartige, manche sagen, fatale Konstellation im Verlag kennen. Den Mitarbeitern gehören 50,5 Prozent der Anteile am Unternehmen, und auch wenn für wichtige Entscheidungen eine Dreiviertelmehrheit nötig ist, bestimmen die Journalisten wesentlich darüber mit, wer ihr Chefredakteur ist – und wann er gehen muss.

An dem besagten Abend bekam Brinkbäumer zwei Botschaften überbracht. Die eine lautete: Er sei zu langsam.

Fast drei Jahre zuvor hatte Brinkbäumer ein Konzept dafür vorgelegt, wie man die Redaktionen des Spiegels und des Nachrichtenportals Spiegel Online verschmelzen könnte. Er hatte es gemeinsam mit dem damaligen Online-Chefredakteur geschrieben, und alle am Tisch im Vlet sahen darin den nächsten, existenziell wichtigen Schritt. Aber seither war das Konzept nicht ausgearbeitet worden, es gab keine Detailpläne.

Der früher so starke Verlag ist in dieser Zeit geschrumpft, die Auflage des Magazins – und auch Anzeigenerlöse. Daraufhin hatte der Verlag Millionenbeträge eingespart, neue Nischenmagazine und Digitalprodukte entwickelt – mit mäßigem Erfolg. Im Frühjahr sind dann auch die Anzeigen bei Spiegel Online eingebrochen.

Zugleich wächst die Zahl der Digital-Abonnenten stetig, und mit jedem Monat drängen die Leser beide Redaktionen aufeinander zu. Deshalb sollte aus zwei Redaktionen eine werden, besser bestückt als alle anderen. 70 Jahre Spiegel- Tradition und fast 25 Jahre Online-Erfahrung sollten verschmelzen. Tagesaktuelles sollte künftig Raum an Raum mit monatelangen Tiefenbohrungen entstehen. Eine Redaktion für die Website wie fürs Magazin. Ein größeres Transformationsprojekt lässt sich im Journalismus kaum denken.