"Wir schließen, alles muss raus" steht auf den Schildern im Schaufenster, von einem Schuhständer baumeln hüfthohe Lackstiefel. Drinnen streikt die Kasse, Susan Lawrence ist gereizt. Die Inhaberin von Schuh-Messmer, die ihr Alter nicht verraten möchte, schloss im August 2018 Hamburgs ältestes Schuhgeschäft – nach 174 Jahren auf der Reeperbahn.

DIE ZEIT: Frau Lawrence, im Internet steht eine Renate Lawrenz als Inhaberin.

Susan Lawrence: Susan Lawrence ist mein Name als Sängerin. Mein richtiger Name ist Renate Emma Elisabeth Lawrenz. Fürchterlich. Die Namen meiner Großmütter.

ZEIT: Wer war die erste Person in Ihrer Familie, die den Schuhladen geführt hat?

Lawrence: Meine Mutter Katharina Messmer. Der Laden wurde 1844 von Witt & Söhne eröffnet. Wir sind vor etwa 50 Jahren in den Besitz des Ladens gekommen.

ZEIT: Also Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger. Wie kam Ihre Mutter zu dem Geschäft?

Lawrence: Wir hatten damals ein Geschäft in einer Seitenstraße, meine Mutter wollte immer auf die Reeperbahn. Damals gab es Schuhvertreter, die Hausbesuche machten und Kollektionen zeigten. Einer erzählte, dass Witt & Söhne aufgeben wollen. Dann sind wir hier rein.

ZEIT: So einfach war das damals?

Lawrence: Ja. Herr Witt sang auch, er war nebenher Opernsänger. Ich war gerade Schlagersängerin, meine Mutter machte auch ganz viel Musik. Diese Verbindung half.

ZEIT: Wie alt waren Sie?

Lawrence: Ich bin noch zur Schule gegangen, als meine Mutter den Laden übernahm. Nicht solche Fragen, das ist mir alles zu viel!

ZEIT: Sie wollten hauptberuflich Sängerin werden?

Lawrence: Ich wollte gar keine Schuhe verkaufen. Ich habe Industriekauffrau gelernt, aber das fand ich auch schrecklich. Ich habe schon Musik gemacht, als ich noch in der Schule war. Ich bin über Bühnen in ganz Deutschland getingelt, in Belgien, Frankreich, im Fernsehen. Viel, viel erlebt. Singen war mein Ziel, wurde aber leider nicht erreicht. Zwei Hits wurden durch Produzenten vereitelt, die hatten das Gefühl, man könnte mich ersetzen. Irgendwann war es aus.

ZEIT: Und Ihre Mutter hat sich gewünscht, dass Sie in den Schuhladen einsteigen?

Lawrence: Sie war natürlich froh, dass ich da war. Ich habe den Laden geleitet.

ZEIT: Sie haben sich die Arbeit geteilt?

Lawrence: Wir hatten drei oder vier Angestellte. Diese Frage ist überflüssig!

ZEIT: Haben Sie damals schon Lackstiefel und Glitzerpumps verkauft?

Lawrence: Ja, damals fing das an.

ZEIT: Bestand Ihre Kundschaft damals schon aus Kiezbesuchern?

Lawrence: Das Publikum hier wechselt doch ständig!