Der weiße Papierstreifen ist quer über den Bundesadler geklebt, die Flügel des Wappentiers sehen aus wie gestutzt. Das Papier ist kein Standardvordruck, die Kanten sind ungleich geschnitten. "Achtung!!! Achtung!!!", steht darauf. "Bitte beachten Sie die Passbeschränkung auf Seite 2 und 3!!!"

"Es ist entwürdigend", sagt Sybille Schnehage.

Den Pass hat sie aufgeschlagen auf den Tisch gelegt. In Leggings und Stallkittel sitzt sie in ihrem Wohnzimmer im niedersächsischen Bergfeld, Gemeinde Brome. Durchs Fenster sieht man den Vorgarten, in dem die ersten Tulpen blühen. Es ist Anfang April. Schnehage, 67 Jahre alt, setzt ihre Lesebrille auf und liest mit zitternder Stimme vor: "Der Geltungsbereich dieses Passes ist wie folgt beschränkt: Der Pass berechtigt nicht zur Ausreise nach Afghanistan unmittelbar oder über ein Drittland!"

Der Streifen Papier in ihrem Pass bricht mit einer fast 70-jährigen Rechtstradition der Bundesrepublik Deutschland. Der Freiheit des Bürgers, die Welt zu bereisen.

Alles in der Wohnung der Familie Schnehage erinnert an den Hindukusch, die Teppiche, die Bilder. In einer Vitrine im Flur verwahrt Sybille Schnehage die Medaillen, die ihr verliehen wurden, unter ihnen das Bundesverdienstkreuz. Seit Anfang der Neunzigerjahre hilft sie mit ihrem Verein im afghanischen Kundus. Sie ließ 32 Schulen bauen, Tausende Brunnen bohren, ihr Verein versorgt Hunderte Witwen und Waisen. Schnehage war da, als es noch keine Taliban gab, sie war da, als die Bundeswehr in die Stadt kam, sie blieb, als die Bundeswehr wieder ging. Eine kleine blonde Frau, studierte Physikerin, quirlig, in ständiger Bewegung, herzlich und rau, Mutter zweier Kinder, Mutter von fast allem, was sich ihr nicht schnell genug entziehen kann.

Sie ist an diesem Tag sehr aufgeregt, fahrig, konnte die Nacht vor dem Besuch des Reporters nicht schlafen. Im Feldherrnschritt führt sie durch das kleine Reich, das sie in ihrem niedersächsischen Dorf errichtet hat. "Die Pferde, kommen Sie! Den Stall habe ich selber gebaut." Der Garten mit den Papageien, die Alleen, die sie anpflanzte, eigenhändig, als sie noch stellvertretende Bürgermeisterin war. Ihr Mann Michael, ehemals bei Volkswagen, in Rente jetzt, bastelt seit Jahren in seiner Werkstatt am Trabi, während seine Frau an ihren Dörfern baut. Das eine Dorf ist Bergfeld, 897 Einwohner, das andere heißt Katachel, in der Nähe von Kundus, knapp 2000 Einwohner.

"Ich hab das zum schönsten Dorf in ganz Afghanistan gemacht", sagt sie. Genau damit fing das Problem an.

Ringen um Afghanistan

© ZEIT-Grafik

"Frau Schnehage", sagt ihr Anwalt seufzend, als sie an diesem Nachmittag in Wolfsburg hastig die Tür seiner Kanzlei öffnet. "Mir geht es heute wieder ganz scheiße", klagt sie, mit ihrer Akte unterm Arm in das Büro stürmend. Er, Karsten Krause, ist ein Anwalt für alltägliche Fälle. In großen, leicht abgeblätterten Lettern steht sein Name auf der Schaufensterscheibe. Alle anderen Anwälte in der Gegend hatten sich geweigert, Schnehage zu vertreten. Sie fühlten sich nicht kompetent. So einen Fall hatten sie noch nie.

"Ich frage Sie jetzt ganz offen", sagt Schnehage zu Krause. "Was passiert, wenn ich trotzdem fahre? Wenn ich das einfach versuche – was passiert dann mit mir?" Krause lacht, schaut sie an, zögert und lacht nicht mehr.

"Dann stecken die mich halt ins Gefängnis!", ruft Schnehage. "Wir wissen nicht, in was für ein Wespennest wir damit stoßen", warnt Krause.

Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Republik ergreift im Fall Schnehage der Staat eine Maßnahme, derer sich sonst nur Diktaturen bedienen. Die Beschränkung der Reisefreiheit eines unbescholtenen Bürgers. Schnehage sei in Afghanistan in Gefahr. Mit ihrer geplanten Reise gefährde sie die Interessen der Bundesrepublik Deutschland.

Der Passvermerk droht nicht nur ihrem Lebenswerk ein Ende zu setzen. Er zeugt auch vom Scheitern der deutschen Entwicklungshilfe in Afghanistan.

In drei Fahrzeugen waren am Montag, dem 12. September 2016, mehrere Polizeibeamte nach Bergfeld ausgerückt. Sie klingelten an der Haustür, in ihrer Mitte schweigend die Gemeindebürgermeisterin, so erzählt es Schnehage, "die hatte früher schöne Reden auf mich gehalten". Schnehage bat die Besucher ins Wohnzimmer, reichte Tee, worauf einer der Beamten ihr mitteilte, es sei ihr künftig verboten, nach Afghanistan zu reisen. Als Schnehage sich weigerte, den Pass herauszugeben, drohten ihr die Polizisten mit Zwang. Also fügte sie sich. Zwei Tage später brachte die Bürgermeisterin den Pass zurück, ohne viele Worte, mit dem Vermerk darin.