Eine sehr lustige Frau schrieb neulich etwas sehr Lustiges auf Twitter. Sie heißt Sophie Passmann, ist Autorin und Kabarettistin. Wenn Sie auf Twitter sind, was Sie unbedingt sein sollten, weil es Ihr Leben spannender macht, dann haben Sie wahrscheinlich schon mal von ihr gehört.

Sie schrieb: "Es fehlt eine öffentlich-rechtliche Literatursendung, in der nur Bücher empfohlen werden, die man besonders gut neben dem Bett liegen lassen kann, während man abends stundenlang aufs Handy guckt."

Dieser Tweet ist der Grund, warum ich Twitter liebe. Er ist voller Wahrheit, voller Wirklichkeit und Witz. Wären die Bücher, die Zeitungen, die Magazine, wäre das tote Papier, das auf meinem Nachttisch verstaubt, nur halb so gut, so schnell, so lustig und wahr wie dieser Tweet, dann würde es dort nicht verstauben.

An diesen Tweet musste ich denken, als in der vergangenen Woche eine Studie der Universität Hamburg die Runde machte, die wortreich feststellt, dass sich auf Twitter vor allem männliche Narzissten tummeln, die nach Aufmerksamkeit gieren. Und dass Twitter nicht repräsentativ sei für die Gesamtbevölkerung und Journalisten deshalb nicht zu sehr auf Twitter hören sollten. Viele Medien griffen die Studie auf. "Männer mit großem Ego", schrieb die FAZ. "Männlich, überheblich, selbstverliebt", resümierte der Branchendienst Meedia. "Twitter-User sind Bonsai-Trumps", titelte der Deutschlandfunk. Man sollte grundsätzlich stutzig werden, wenn etwas mit Trump verglichen wird. Meistens ist das ein sehr billiger Trick, um etwas kulturell zu verbrennen.

Ich überlegte kurz, ob ich das vielleicht in mein Twitter-Profil schreiben sollte: "Felix Dachsel. Männlich, überheblich, selbstverliebt." Aber dann merkte ich, dass mein Ärger über diese Studie nicht wegzulachen war. Es half auch nichts, dass ich nachschaute, wie viele Twitter-Follower der Autor der Studie hat. Sein Profilbild zeigt einen freundlichen Wissenschaftler vor einer Bücherwand. Er hat 270 Follower.

Was dieser Forscher betreibt, ist inzwischen Breitensport. Twitter, dieses nette blaue Vögelchen, das mir täglich Freude bereitet, wird von so vielen Kulturpessimisten gejagt, dass man es unter Naturschutz stellen sollte. Grimmig lauern sie mit ihren Flinten hinter dem Hügel. Verärgert und verstört von einer Welt, die ihnen zu schnell geworden ist.

Was an Twitter fasziniert? Wie haben Sie damals Ihren Eltern erklärt, was Sie so gut finden an diesen Rolling Stones? Dieser Puls, die Geschwindigkeit, der Rhythmus!

Wie etwa Wolfgang Schäuble, der Bundestagspräsident, der den Abgeordneten – per Brief! – das Twittern im Plenarsaal untersagte. Oder Frank-Walter Steinmeier, unser Bundespräsident, der warnte, Politik dürfe sich nicht in "140 Zeichen erschöpfen". Was eine Spitze gegen Trump war, aber vor allem gegen Twitter. Das finde ich recht gewagt von einem Mann, dessen Gesicht es kaum anzusehen ist, ob er gerade wach ist oder schläft. Wäre er, der emotionsarme Ostwestfale, nur halb so lebhaft wie Twitter, ich würde an seinen Lippen hängen.

Apropos Trump: Es ist schon seltsam, dass man im Angesicht dieses Mannes dazu übergeht, eine Technologie zu beschimpfen. Hat man in den Achtzigern, als sich zwei Weltmächte feindlich gegenüberstanden, eigentlich auch ständig besorgt gefragt, ob der nächste Krieg VON EINEM TELEFONANRUF ausgelöst werde? Die Technologie wird seltsam mystifiziert, als sei sie das Problem und nicht der Mensch.

Selbst auf Twitter ist Twitter-Kritik zum beliebten Genre geworden. Ständig gibt irgendjemand pathetisch bekannt, dass er plane, sich "für einige Wochen" von Twitter zu verabschieden oder sich gar abzumelden. Der Modus des verklemmten Genusses – das ist etwas unangenehm Deutsches. Es ist, als beiße man in einen Burger und erzähle dann mit vollem Mund, dass man ja eigentlich vorhabe, sich gesünder zu ernähren. Ich war selbst mal eine Weile von Twitter weg, und es war grauenhaft.

Mich freut es, anders als viele Kommentatoren, wenn Horst Seehofer ankündigt, dass er bald anfangen will, selbst zu twittern. Da bin ich für Willkommenskultur (diesen Witz habe ich von Twitter geklaut). Im besten Fall wird Seehofer lernen, dass zu moderner Kommunikation nicht nur Sendungsbewusstsein gehört. Sondern vor allem Empfangsbewusstsein. Er wird, wenn er wirklich selbst an den Hebeln sitzt, den Gegenwind spüren. Jeder, wirklich jeder, kann den Innenminister dann, öffentlich sichtbar, anschreiben. Seehofer wird hin und wieder was abbekommen. Das wäre ein Fortschritt. Denn das Motto heißt: "Nie wieder Einbahnstraße". What goes around comes around. Auf jede Rede folgt Gegenrede. Auf jeden Spruch Widerspruch. Es kann jedenfalls keiner mehr behaupten, er hätte Einwände nicht gehört.