Um sich im Universitätsklinikum Essen zurechtzufinden, braucht man eine Karte, es ist eine eigene kleine Stadt. 27 Kliniken, 1300 Betten, gut 50.000 Patienten werden jährlich auf den Stationen behandelt und viermal so viele ambulant. Mehr als 6000 Menschen arbeiten hier. Normalerweise.

Doch über dem Haupteingang verkündet ein Banner: "10. Woche Streik". Auf dem Rasen steht ein großes weißes Zelt der Gewerkschaft ver.di. Jeden Tag versammeln sich hier im Schnitt 250 Streikende, die meisten von ihnen arbeiten in der Krankenpflege. Sie wehren sich gegen chronische Unterbesetzung, gegen permanente Überarbeitung, gegen Nachtdienste, bei denen nur eine Pflegekraft für eine ganze Station zuständig ist. Deswegen fordert ver.di nicht mehr Gehalt, sondern einen Tarifvertrag mit zusätzlichen Stellen in der Pflege.

Obwohl sich weniger als ein Zehntel der Mitarbeiter an den Protesten beteiligt, sagt der Klinikdirektor Jochen Werner: "Jeder weitere Tag Streik verschärft die ohnehin angespannte Situation." 3000 Operationen mussten schon gestrichen werden.

Wie kann es sein, dass wenige Hundert Streikende genügen, um ein so großes Krankenhaus ins Chaos zu stürzen? Und wie funktioniert eine Klinik, die sich seit fast drei Monaten im Ausnahmezustand befindet?

Die Clearingstelle: In der neuen Machtzentrale wird um jeden Mitarbeiter gefeilscht

Wie viele Pfleger werden heute auf der Dialysestation gebraucht? Welche OP-Säle stehen zur Verfügung? Jeden Tag aufs Neue müssen sich Streikende und Klinikleitung in solchen Fragen einigen. Arbeitskampf in der Uni-Klinik bedeutet eine organisatorische Mammutaufgabe: Die Besetzung von 65 Stationen muss mehrmals täglich verhandelt werden, von Schicht zu Schicht. Denn wer streikt und wer zur Arbeit erscheint, ist oft erst klar, wenn die Schicht bereits begonnen hat. Und immer wieder meldet sich jemand krank, oder ein Notfall fordert zusätzliche Kräfte.

Dabei herrscht ein ständiger Konflikt: Ver.di will möglichst viele Streikende rekrutieren – die Klinikdirektion fordert einen unbeeinträchtigten Betrieb. Generell muss die Mindestbesetzung arbeiten, die auch an Feiertagen vorgesehen ist. Details stehen in der Notdienstvereinbarung. Sie ist die Gebrauchsanweisung für die Klinik im Streik. Sie regelt, wie viele Pflegekräfte wo arbeiten müssen, wie viele Betten belegt werden dürfen und sogar, wo um 7.30 Uhr geputzt wird.

Eine Notdienstvereinbarung gehört zu jedem Klinikstreik. In Essen musste sie jedoch ganz neu ausgearbeitet werden, da dort so viele Pflegekräfte die Arbeit niederlegen wie noch nie. "Die Notdienstvereinbarung zu beschließen war ein Kampf", sagt Reiner Schmidt, einer der Sprecher von ver.di und ehemaliger Intensivpfleger.

Trotzdem gibt es so viele Konflikte, dass sich Vertreter der Streikenden und der Klinikleitung zweimal täglich in der Clearingstelle treffen müssen. Es wird um jeden Mitarbeiter gefeilscht. Das führt auch zu medizinischen Fragen. Ist eine Operation so dringend, dass sofort ein zusätzlicher OP-Saal geöffnet werden muss? Brisant wird die Debatte dadurch, dass Krankenpfleger mit Chefärzten diskutieren. Im Klinikalltag herrscht meist strenge Hierarchie, das Wort des Chefs ist Gesetz.