"Ich hockte zusammengekauert vor einem schauerlichen Rübenkaffee", erinnert sich der Romanist Viktor Klemperer an den 7. Oktober 1918. Es waren die letzten Wochen des Ersten Weltkrieges. Deutschland stand vor der Niederlage. Doch Klemperer, mit der Bahn auf Reisen, hatte andere Sorgen: "Unterwegs wurde mir sehr übel, es war nicht nur Übermüdung und seelische Depression, sondern eine richtige irgendwo aufgegabelte Grippe mit Gliederschmerzen, Schüttelfrost und Hitze." Er kaufte sich Aspirin, schleppte sich "in ein schäbiges Hotel am Bahnhof und schlief von acht Uhr abends bis neun Uhr morgens". – "Der Krieg", notiert er lapidar "ging weiter."

Überall im Deutschen Reich herrschte Anspannung. Und überall erging es Frauen, Männern, Kindern wie dem berühmten Romanisten. Am 20. Oktober 1918 schrieb der Heidelberger Historiker Karl Hampe in sein Tagebuch: "Die städtische Bevölkerung steht gegenwärtig noch mehr unter dem Eindruck der bösartigen Grippe als unter dem der großen Niederlagen. [...] Frau Ranke mit ihren 3 Kindern ist ganz ohne Hülfe; sie selbst mit angehender Lungenentzündung, 2 Kinder an Grippe erkrankt." Die Seuche wütete so heftig, dass der Krieg im öffentlichen Bewusstsein kurzzeitig in die zweite Reihe trat.

Wie viele Menschen an dem Virus starben, lässt sich nur schätzen. Auf vielen Leichenscheinen stand als Todesursache "Pneumonie", doch war diese Lungenentzündung oft eine Folge der Spanischen Grippe (die so genannt wurde, weil in Spanien zuerst über die Epidemie berichtet wurde). Nimmt man beide Ursachen zusammen und berücksichtigt die tödlichen Pneumoniefälle aus den Vorjahren, zählt man 1918/19 im Deutschen Reich 250.000 bis 300.000 Grippetote. Insgesamt raffte die Seuche anderthalb bis zwei Prozent der Weltbevölkerung dahin, vielleicht noch mehr. Am höchsten waren die Verluste in Afrika und Asien. Die Schätzungen schwanken zwischen 25 und 70 Millionen Grippetoten weltweit für den Zeitraum bis 1920. Das sind weit mehr, als der Erste Weltkrieg Todesopfer gefordert hat.

Aber handelt es sich nur um ein paralleles Geschehen? Oder besteht ein Zusammenhang?

Der Historiker Gerd Krumeich schrieb 2014, dass die Spanische Grippe "ihren Weg noch immer nicht in die Geschichte der Schlachten des Jahres 1918 und des Kriegsendes gefunden hat. Auch ist ihre Bedeutung für den Ausgang des Krieges noch vollständig unerforscht." Hinweise auf einen Zusammenhang allerdings finden sich zuhauf.

Eine erste Grippewelle geht bereits im Frühjahr über Deutschland hinweg. Mit dem "Unternehmen Michael" versucht das Deutsche Reich damals, den Krieg mit einer letzten Anstrengung für sich zu entscheiden, nachdem man den Bolschewiki in Brest-Litowsk einen harschen Diktatfrieden aufgezwungen hat. Doch es zeigt sich bald, dass sich der Stellungskrieg im Westen kaum noch gewinnen lässt: Immer mehr junge Amerikaner strömen auf den Kriegsschauplatz in Frankreich, während in den deutschen Armeen der Kampfeswille schwindet. Gleich drei Offensiven enden mit hohen Verlusten. Mehr Soldaten denn je desertieren. Außerdem gibt es Tausende Ausfälle durch die Grippe. In der ersten Jahreshälfte 1918 sinkt die Zahl der deutschen Soldaten an der Westfront auf wenig mehr als die Hälfte. Im Sommer bleibt der Angriff gänzlich stecken.

Harvey Cushing, ein amerikanischer Offizier, hält damals verwundert in seinem Tagebuch fest, dass die erwartete Offensive der Deutschen ausbleibt. "Ich nehme an, daß die Grippeepidemie, die uns [...] ziemlich heftig getroffen hat, dem Boche [den Deutschen] noch schlimmer zusetzt, und dies könnte der Grund für die Verzögerung sein", mutmaßt er.

In der Heimat wissen die politisch Informierten, dass der Krieg so gut wie verloren ist. Der Vorstoß im Westen sei missglückt, schreibt Harry Graf Kessler, der bekannteste Chronist jener Jahre, am 20. Juli 1918. Der englische General Douglas Haig, Oberbefehlshaber an der Westfront, mahnt unterdessen zur Eile: "Wir müssen alles tun, um noch diesen Herbst eine Entscheidung herbeizuführen." Wenig später, am 29. September, fordert der Erste Generalquartiermeister Erich Ludendorff, der "heimliche Diktator Deutschlands", die kaiserliche Regierung auf, Verhandlungen mit den Feindmächten aufzunehmen, um einen Waffenstillstand herbeizuführen.