Es ist keine Lüge, wenn man behauptet, für Donald Trump schlage bald die Stunde der Wahrheit. Dem amerikanischen Präsidenten droht das, was er unter allen Umständen verhindern will: Er muss wahrheitsgemäß aussagen und die Frage klären, ob russische Einflussagenten bei der Präsidentschaftswahl 2016 ihre Hände im Spiel hatten. Haben sie Trumps Wahlkampfteam belastendes Material gegen Hillary Clinton zugespielt? Was wusste der Kandidat? Vorsorglich ließ sein Anwalt Rudy Giuliani die Öffentlichkeit schon einmal wissen: "Wahrheit ist nicht Wahrheit."

"Truth isn’t truth" – ehrlicher kann man es nicht sagen. Tatsächlich, so hat die Washington Post kürzlich nachgerechnet, setzt Trump "täglich 6,5 falsche oder in die Irre führende Behauptungen in die Welt". Er führt sich auf wie der Sonnenkönig im Reich der Wörter: Mr. President entscheidet selbst, ob er meint, was er sagt; ob seine Sätze etwas bedeuten oder ob sie nichts bedeuten. Es gibt Wortausstoßungen, deren Verfallsdatum bereits abgelaufen ist, noch ehe sie in die Welt gezwitschert sind. Dann wiederum macht Trump genau das, was er sagt: Er droht, das Atomabkommen mit dem Iran aufzukündigen. Und er tut es auch.

Jedenfalls fällt auf, dass Trump beim Reden keinerlei Anstrengung unternimmt, sich zu verstellen oder ein falsches Spiel zu spielen. Im Gegenteil, Trump hat nichts Lügenhaftes. Sein Körper und seine Sprache bilden eine natürliche Einheit; Intonation und Gestik wirken echt unverkrampft, nichts klingt bigott oder gekünstelt. Trump redet obszön, aber nicht verlogen. Seine Worte sprechen ihm aus dem Herzen.

Was also, wenn Trump beim Lügen ehrlich ist? Wenn dem Anführer der freien Welt der Unterschied zwischen wahr und falsch aufrichtig unverständlich bleibt? Was wäre, wenn Trump sein Wahlversprechen ("Ich werde euch stets die Wahrheit sagen") aus seiner Sicht noch nie gebrochen hat? Kurzum, welches Verhältnis hat jemand zur Sprache, der glaubt, er sei ein wahrhaftiger Mensch auch dann, wenn er in den Ohren seiner Kritiker offensichtlich lügt?

Donald Trump, so lautet die Antwort, hat zur Sprache dasselbe Verhältnis wie zum Geld: Er betrachtet sie als sein Privateigentum. Trump ist nicht nur Großgrundbesitzer, er ist auch Großwortbesitzer, und so wie ihm sein Geld ganz allein gehört, so gehören ihm auch die Sprachbedeutungen. Sie sind sein symbolisches Kapital. Mit ihnen kann er machen, was er will.

Und was macht der Immobilienhändler mit seinem symbolischen Kapital? Er bewirtschaftet es, er dealt mit Wörtern und investiert sie in sein neues Geschäftsfeld, in die Vermehrung politischer Macht. Wie sich der erfolgreiche Kapitalist Trump einst mit seinem Geld überall eingekauft hat, so kauft sich der Präsident nun in die politischen Geschäfte ein. Trump erwirbt semantische Anteile an der Wirklichkeit oder erschafft wortreich eine neue: Die Nato ist ein Misthaufen, die Russlandaffäre eine Verschwörung der Linken, und "Deutschland wird total von Russland kontrolliert". In Trumps Mund werden Wortbedeutungen flüssig, und so wie man ein Preisschild mal auf dieses, mal auf jenes Erzeugnis klebt, so tauschen sie bei ihm ständig ihren Gegenstand. Plötzlich ist die Nato kein Misthaufen mehr, sondern wieder "great". Und "little rocket man" Kim Jong Un ein bedeutender Staatsmann.

Es sind nicht nur Trumps irre Tweets, es sind auch seine spontanen Äußerungen, die den Eindruck erwecken, in seinem Kopf zirkulierten Wortströme wie ein Geldkreislauf. Mit den symbolischen Kapitalien spekuliert er scheinbar völlig wahllos und unberechenbar; abrupt bringt er neue "Tatsachen" ins Spiel ("Wenn ich je des Amtes enthoben werden sollte, würde der Markt zusammenbrechen"), abrupt zieht er – wie nach seinem Treffen mit Putin in Helsinki – alte "Wahrheiten" zurück. Anders gesagt: Trump benutzt die Sprache als situatives Investment auf dem politischen Markt. Findet er Zustimmung, dann ist seine Aktion rentabel und wirft Gewinn ab: mehr Ruhm, mehr Macht, bessere Quoten.