DIE ZEIT: Erasmus von Rotterdam sei kein so unpassender Patron für eine AfD-nahe Stiftung, meinte der Berliner Publizist Micha Brumlik kürzlich in der taz. Der Vordenker eines geeinten, toleranten und pazifistischen Europa habe Muslime und Juden gehasst. Stimmt das?

Heinz Schilling: Da macht es sich Brumlik ziemlich einfach. Man muss im Werk des Erasmus schon sehr tief graben, um auf Judenfeindliches zu stoßen, wesentlich tiefer jedenfalls als bei seinem Zeitgenossen Luther, der mehrere dezidiert antijüdische Schriften verfasst hat. Von Erasmus gibt es nichts dergleichen. Seine antijüdischen Spitzen finden sich überwiegend in seiner Korrespondenz.

ZEIT: Erasmus bezeichnete die Juden wiederholt als "Pest". Geht es da nur um Theologisches?

Schilling: Hier ist der Kontext wichtig: Die Juden, so ausgegrenzt sie waren, unterstanden in Mitteleuropa dem Schutz des Kaisers. An diesem Status quo, an dieser Rechtssicherung wollte Erasmus nicht rütteln. Als Theologe indes sah er in der jüdischen Theologie eine Gefahr für den christlichen Glauben. Die Juden gehörten für ihn nicht zur Christianitas, die für ihn und seine Zeitgenossen identisch war mit "Europa". Insofern hätte er gewiss den Satz unterschrieben "Das Judentum gehört nicht zu Europa", so wie der Islam in seinen Augen nicht zu Europa gehörte.

ZEIT: Was die heutige Rechte durchaus als Einladung verstehen könnte ...

Schilling: Nur dass Erasmus eben gerade nicht "völkisch" dachte!

ZEIT: Erasmus bezeichnet sich selbst als Weltbürger. Nach Spanien jedoch wollte er nicht reisen, weil es da von getauften Juden nur so wimmele. Gerade sie waren ihm suspekt.

Schilling: Erasmus misstraute den Getauften wie viele seiner Zeitgenossen, weil er fürchtete, sie könnten sich von ihrem abgelegten Glauben nicht gänzlich getrennt haben und damit die bedrohte Einheit der Christenheit noch weiter gefährden. Es rumorte damals in Europa, und das nicht nur weil die Osmanen ein gewaltiges Reich errichteten: Erasmus hatte bereits die konfessionellen Fliehkräfte im Innern erkannt und fürchtete den Krieg von Christen gegen Christen – wie er dann ja auch kam.

ZEIT: Besonders im theologischen Streit zwischen Johannes Pfefferkorn und Johannes Reuchlin polemisierte Erasmus gegen die getauften Juden ...

Schilling: Nein, nicht gegen die getauften Juden polemisiert er, sondern gegen einen ganz bestimmten: Pfefferkorn. Der hatte mit dem typischen Eifer des Konvertiten gefordert, sämtliche jüdischen Schriften, den Talmud, die Kabbala, zu vernichten. Johannes Reuchlin, der führende christliche Hebraist seiner Epoche, wandte sich gegen diesen Furor. Erasmus stellte sich auf Reuchlins Seite: Er kämpfte für die Freiheit der Wissenschaft.

ZEIT: Er war also als christlicher Theologe ein Feind des Judentums, als politischer Denker für die Duldung der Juden und als Humanist für die Bewahrung ihrer Schriften?

Schilling: Ja, und damit stand er zunächst nicht allein. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts herrschte in Europa eine Aufbruchstimmung, in der nicht nur ein christliches Interesse am Islam und am Judentum aufkam – siehe Reuchlin –, sondern sich auch jüdische Theologen für die christlichen Reformdebatten interessierten. Dieser Aufbruch wurde erstickt durch den innerchristlichen Kampf in den Jahrzehnten nach 1517. Nun, da beide Seiten sich dogmatisch verhärteten, schlug der Vorbehalt gegen die Juden wieder in massive Ablehnung und Gewalt um. Gegen Ende seines Lebens rief Luther dazu auf, den Juden ihre Bücher zu nehmen und sie aus den protestantischen Territorien zu vertreiben. So etwas hat Erasmus nie gefordert.

ZEIT: Er war, nicht zuletzt, ein Meister der Ironie. "Wenn es christlich ist, die Juden zu hassen, dann sind wir in dieser Hinsicht ausgiebig christlich", hat er geschrieben. Wie meinte er das?

Schilling: Jedenfalls nicht als Aufruf zum Hass. Es wäre absurd, ihn in eine Linie zum Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts zu stellen.

ZEIT: Wie sollen wir denn mit ihm umgehen?

Schilling: Vor allem sollten wir ihn vor falschen Umarmungen schützen. Zu seinen Lebzeiten war Erasmus den Protestanten zu katholisch, wenig später der Gegenreformation zu evangelisch; im 20. Jahrhundert galt er den kirchenkritischen Humanisten als Antiklerikaler, dabei war er stets kirchentreu. Schon immer hat man versucht, ihn zu vereinnahmen. Aber Erasmus ist als Fahnenträger völlig untauglich – egal für welche Partei.