DIE ZEIT: Herr Bordel, was hat sich für Sie zuletzt verändert?

Wolfgang Bordel: Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Zeiten sich um mich herum ändern – und ich mich gar nicht so sehr. Ich bin seit 35 Jahren Intendant des Theaters Anklam, also tief in der Provinz. Ich weiß nicht, wie viele Stücke ich in Anklam bisher inszeniert habe, aber sicherlich sind es deutlich mehr als 100. Es gibt keinen anderen Theatermann, der so lange am gleichen Ort ist wie ich. Aber was soll ich sagen? Es gefällt mir immer noch so gut wie am Anfang. Und ich empfinde es immer noch als kleines Wunder, dass ich überhaupt hier gelandet bin.

ZEIT: Warum das?

Bordel: Ich bin ursprünglich gar kein Theatermensch. In Halle, meiner Heimatstadt, hatte ich eine Ausbildung zum Schlosser gemacht, danach Physik in Rostock und Philosophie in Berlin studiert, wo ich schließlich an der Akademie der Wissenschaften gearbeitet habe.

Ein Original aus Anklam: Theatermann Wolfgang Bordel, 67 © Stefan Sauer/ZB/Picture-Alliance/dpa

ZEIT: Sie sind Schlosser, Physiker und Philosoph in einem?

Bordel: Das klingt natürlich interessant – aber mein Leben in Ostberlin fand ich so langweilig damals, in den frühen Achtzigern. Man war immer in seinem Kiez, traf sich bei Rotwein und Bier, redete viel und diskutierte die Weltrevolution herbei – doch es geschah nichts. Ich war glücklich, als Anfang der Achtzigerjahre das Angebot aus Anklam kam.

ZEIT: Wie kam man auf Sie?

Bordel: Ich hatte an der Humboldt-Universität mit Freunden das Arbeiter- und Studententheater gegründet, und wir wollten eh nach Anklam, alle zusammen, einfach raus aufs Land. Also wendete ich mich an den Anklamer Rat des Kreises, ich wollte Geld. Der Ratsvorsitzende sagte: "Wieso übernimmst du nicht einfach das Theater, das wir schon haben?"

ZEIT: Und fiel die Antwort schwer?

Bordel: Überhaupt nicht. Allerdings hatte ich keine Beziehungen in die Theaterszene und wusste nicht, was mich erwartet. Es war schmerzlich zu lernen, mit welchen Tücken Kulturpolitik in der DDR zu machen war. Ein Funktionär meinte mal zu mir: "Wenn ihr nicht langsam mal Ruhe gebt und aufhört, ständig auf der Bühne zu politisieren, mache ich aus dem Theater eine Fischbratküche." Wir hatten damals Frank Castorf in Anklam, müssen Sie wissen. Wir haben knapp zwei Jahre zusammen gearbeitet.

ZEIT: Der große Frank Castorf, der später jahrelang die Berliner Volksbühne geleitet hat?

Bordel: Ja, er war damals Oberspielleiter in Anklam. So ambitioniert, wie er später Theater gemacht hat, war er auch damals schon. Einmal stellte er ein zur Hälfte eingemauertes Klavier auf die Bühne und ließ es nur auf der einen Seite bespielen, die Symbolik muss ich Ihnen nicht erklären. Er hat Klassiker anders erzählt, ein neues Bühnenbild kreiert, sein Theater war anspruchsvoll. Diese neue Theatersprache kam bei den Zuschauern aber nicht so gut an, sie war ihnen zu verkünstelt. Meine Aufgabe als Intendant war es, die Leute nicht alle zu verprellen. Ich sollte Castorfs Gegengewicht sein, Volkstheater machen.

ZEIT: Also seichteres Programm?

Bordel: Moment mal! Es gibt doch verschiedene legitime Arten von Theater, und klassisches, heiteres, komödiantisches ist nicht gleich seicht. Auch traditionelle Erzählweisen sind nicht von der Hand zu weisen.

ZEIT: Ihr Volkstheater hat vermutlich auch den SED-Ratsvorsitzenden besser gefallen.

Bordel: Ach, für die habe ich das nicht gemacht. Aber natürlich war Castorf rebellischer als ich. Einmal wollte er Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht inszenieren. Wenige Wochen vor der Premiere wurde der Hauptdarsteller festgenommen, weil er einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Castorfs Zeit in Anklam war kurz danach zu Ende.

ZEIT: Wie sind Sie beide auseinandergegangen?

Bordel: Freundschaftlich. Wir telefonieren bis heute hin und wieder. Frank ging damals nach Karl-Marx-Stadt, wo er auch hingehört, in die Großstadt – und ich bin geblieben. Wir haben hier in Vorpommern ein kleines Theaterimperium aufgebaut. Glauben Sie übrigens nicht, dass das Theater hier unkritisch gewesen wäre. Theater in der DDR war immer kritisch.