Die Mitleidigen, die Höhnischen, die Auftrumpfenden: "Im Osten gab’s eben kein 68." Ehemalige West-Revoluzzer scheinen in den Satz ebenso verliebt wie forsche Neo-Rechte. Bescheinigen die einen dem Osten damit ein Minus an freiheitlicher Tradition, entdecken die anderen im Gegenteil gerade darin ein Plus: der Osten als Hort der Ordnung, nicht angekränkelt von Dekadenz, Nihilismus, Libertinage und anderem antiautoritären Teufelszeug.

So erwartbar derlei westliche Zuschreibungen indessen sind, so faszinierend ist die Reaktion östlicher, vor allem AfD-naher Zeitgenossen, die jenes "Kein 68 im Osten" inzwischen begeistert nachbeten. Verblüffend nämlich, dass Leute, die mit Vorliebe verbales Linken-Bashing betreiben, nicht etwa auf die fragwürdigen Aspekte des westlichen 68 hinweisen, die es natürlich auch gibt. Stattdessen wird unreflektiert die importierte Formel vom damals angeblich begonnenen "Wertezerfall" nachgeplappert – und völlig verdrängt, dass Teile des Ostens und der dortigen Bevölkerung sehr wohl ihr 68 gehabt haben, dank des Mutes gar nicht so weniger Einzelner.

Das Stichwort heißt Prag. In den vergangenen Wochen wurde in vielen Texten an die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 erinnert, aber eines kam selten in den Blick: wie sehr die DDR und ihre Bevölkerung doch davon geprägt waren; wie viele Auswirkungen das, was da in Prag geschah, auf den Osten hatte.

Der Historiker Stefan Wolle hat anhand von Stasi- und Gerichtsakten in seinem aktuellen Buch Der Traum von der Revolte. Die DDR 1968 akribisch aufgeführt, welche Proteste es in der DDR gab, als am 21. August 1968 die sowjetischen Panzer nach Prag kamen und den Traum von einer freiheitlicheren Gesellschaft brutal zerstörten: 389 Flugblattaktionen, 3528 Flugblätter und 271 sogenannte Hetz-Losungen (das heißt heimlich angebrachte Wandaufschriften wie "Dubček" oder "Freiheit für die Tschechoslowakei") wurden allein in Berlin dokumentiert, doch auch in der Provinz begehrten zahlreiche mutige junge Leute auf.

Es gab Proteste in der DDR – nur sahen die eben anders aus als im Westen

Sicher, das war nicht der rotweinselige Vitalismus der Pariser Mai-Studenten, nicht der im Schutz der Öffentlichkeit zelebrierte Uni- und Straßenprotest in Frankfurt oder West-Berlin, aber es war doch mehr als eine Petitesse, war etwas, das in den kommenden Jahren Eltern ihren Kindern erzählten.

Viele Ostler, die heute erst Mitte/Ende vierzig sind, werden sich noch an die Nachwirkungen jenes so dramatisch zu Ende gegangenen Prager 68 erinnern. An Schulstunden, in denen der Geschichts- oder Staatsbürgerkundelehrer darüber dozierte, wie damals "der Versuch, die sozialistische Ordnung zu stürzen, dank der brüderlichen Hilfe des Sowjetvolkes und der Soldaten der Warschauer Vertragsstaaten in letzter Minute vereitelt werden konnte". Vielleicht werden sie sich sogar ihrer Sommerausflüge nach Prag entsinnen, bei denen die Eltern – anstatt darüber zu jammern, dass Westdeutsche mit D-Mark in der Stadt willkommener waren als DDR-Bürger – am Wenzelsplatz leise darauf hinwiesen, dass damals genau hier die russischen Panzer gestanden hätten und zahllose junge Tschechen mit aufgerissener Hemdbrust und Tränen in den Augen protestiert hätten, immer wieder "Dubček, Dubček!" rufend. Denn die Bilder von damals, sie wurden ja regelmäßig zu den runden Jahrestagen in den Dokumentationen des Westfernsehens gezeigt.

Ich war dreizehn Jahre alt, Sommer 1983, als ich abends in der ARD das erste Mal das gütige Gesicht des tragisch gescheiterten Reformkommunisten Alexander Dubček sah, die hellen Augen, die wie in bittender Gebärde vorgestreckten, ineinander verschränkten Hände. Und sechzehn, als ich – gegen Ende der zehnten Klasse, die mein allerletztes Schuljahr sein würde, da ich als Nicht-FDJler nicht zum weiterführenden Abitur zugelassen war – meinen Geschichtslehrer Genossen Erdmann fragte, weshalb man denn einst in Prag den Genossen Dubček gestürzt habe. "Weil das, was er wollte, letztlich zu Sozialdemokratie geführt hätte." Die Antwort, im Übrigen historisch völlig korrekt, ließ mit keiner Silbe erkennen, ob der Lehrer dies nun bedauerte oder unterstützte. Vage nachzitterndes 68, seltsam ungute Ambivalenz.