Am kommenden Montag beginnt in Braunschweig der erste richtig große Prozess gegen Volkswagen nach Bekanntwerden des Dieselbetrugs vor ziemlich genau drei Jahren. Das Interesse ist so gewaltig, dass das Gericht in der Stadthalle tagt. Es geht dabei allerdings nicht um die manipulierten Autos selbst, sondern um Anlagebetrug an den Aktionären des Unternehmens. Volkswagen beziffert den Streitwert auf neun Milliarden Euro. Die mehr als 2000 Aktienbesitzer, zu denen neben Privatleuten auch institutionelle Investoren wie der Anlagefonds Deka gehören, verklagen Volkswagen, weil sie sich getäuscht fühlen. Nach ihrer Auffassung ist der Unternehmensleitung der Betrug an den Kunden seit Jahren bekannt gewesen. Weil der Kurs nach der öffentlichen Bekanntgabe der Verfehlungen durch die US-Behörden am 18. September 2015 innerhalb weniger Tage um mehr als 40 Prozent sank, haben die Investoren das Unternehmen verklagt. Denn aktiennotierte Unternehmen müssen kursrelevante Informationen zeitnah bekannt geben. Die ZEIT konnte Klageschriften der prozessführenden Kanzlei TILP und die zentrale Klageerwiderung des VW-Konzerns vom Februar dieses Jahres auswerten. So lässt sich schon vor Prozessbeginn beschreiben, wie die Kläger argumentieren werden und welche Verteidigungslinien Volkswagen aufbauen wird.

Was haben die Chefs gewusst?

Für die Kläger ist die Sache eindeutig: "Bei Dieselgate handelt es sich weder um einen bloßen Betriebsunfall noch um die isolierten Verfehlungen einzelner Ingenieure oder Angehöriger des mittleren VW-Managements."

Sie begründen das damit, dass der Unternehmensführung bereits 2005 und 2006, also zu der Zeit, als entschieden wurde, neue Dieselmodelle in den USA einzuführen, die scharfen Umweltgesetze in den USA weitgehend bekannt gewesen seien. Um den geforderten sauberen Diesel zu bauen, hatte VW damals drei Möglichkeiten, schlussfolgern die Anwälte:

1. Kooperation mit Dritten, die diese Vorgaben erfüllen könnten.

2. Eine schnelle und kostspielige eigene Entwicklung.

3. Betrug durch den Einsatz illegaler Software, die lediglich die Einhaltung der Normen vorgaukelte.

Am Ende, so schreiben die Anwälte, entschied sich Volkswagen für Option 3: "Die Flucht in Betrug und Täuschung."

Und weiter: "Dies war für jedes Mitglied von Vorstand und Aufsichtsrat der Volkswagen AG mit auch nur flüchtiger Kenntnis der betreffenden Tischvorlagen für Vorstand und Aufsichtsrat evident." Es sei ausgeschlossen, dass Männer wie Konzernchef Martin Winterkorn "nicht spätestens vor Beginn der US-Marktoffensive 2008 nachgefragt hätten, wie man denn ohne eigenen Milliardenaufwand oder Zugriff auf fremde Technologie nun plötzlich ›clean diesel‹ (saubere Diesel, Anm. d. Red.) offerieren konnte, zumal sich der ›Chefentwickler‹ Wolfgang Hatz ... noch im Jahr 2007 öffentlich über die ›nahezu unmöglich‹ einzuhaltenden Emissionsnormen" amerikanischer Behörden beklagt habe. Die TILP-Anwälte sehen im Dieselbetrug eine groß angelegte vom Topmanagement angeordnete Täuschung.

Die Anwälte von Volkswagen hingegen argumentieren in der 700-seitigen Klageerwiderung vom Februar 2018: "Weder der Gesamtvorstand noch einzelne Vorstandsmitglieder ... waren an der Entstehung und Entwicklung des in den USA begangenen Compliance-Verstoßes beteiligt, noch hatten sie hiervon Kenntnis."

Volkswagen beruft sich unter anderem auf ein Statement of Facts, in dem die US-Behörden, abgestimmt mit Volkswagen, Anfang 2017 den unstreitigen Sachverhalt zusammenfassten. Darin räumt Volkswagen die Verfehlungen des Unternehmens im Kern ein, Vorstände spielen in der Übereinkunft allerdings explizit keine Rolle. Die VW-Anwälte sehen darin einen Beleg für die Unschuld des Vorstands.

Die VW-Anwälte beschreiben ein Unternehmen, in dem es zu einem "Regelverstoß" kam, den der Vorstand kaum mitbekommen konnte, handelte es sich doch um einen unauffälligen "Eingriff in die vorhandene, hochkomplexe Motorsteuerungssoftware". Dieser Eingriff "konnte – vom Vorstand ... unbemerkt – von denjenigen involvierten Personen, die die Umschaltlogik ersonnen haben, im Rahmen der ihnen übertragenen Aufgaben vorgenommen werden".