Anonym lässt sich leichter offen sprechen. Erst recht über heikle Themen. Deshalb sind in diesem Gespräch die Namen der Expertinnen und Experten nicht gennant, sondern allein ihr Beruf.

Auf dem Tisch steht Cheesecake – und der ist sofort weg an diesem Nachmittag in einem Hamburger Konferenzraum der ZEIT. Nun ja, die wenigsten Menschen können Leckereien aus Fett und Zucker widerstehen – vor allem, wenn sie mit einem Griff zu haben sind. Genau darum geht es in diesem Gespräch mit drei Experten: um eine Welt, die immer mehr Menschen dick macht. Um eine bittere Wahrheit, vor der die Gesellschaft und das Gesundheitssystem die Augen verschließen. Und so tragen die Fettleibigen eine doppelt schwere Last.

ZEIT Doctor: 60 Prozent der Deutschen sind übergewichtig. Ein Viertel ist sogar adipös, also in gefährlichem Maße fettleibig – das bedeutet bei einem Mann von rund 1,80 Meter, dass er mehr als 100 Kilo wiegt. Wie ist das möglich, wo wir doch so viel über gesunde Ernährung wissen und so viele Menschen Diäten machen?

Psychosomatikerin: Das liegt an der Welt, in der wir heute leben. Unsere Biologie passt nicht zu unserer Umwelt. Unsere Biologie sagt, wenn Essen da ist, bitte essen! Wenn wir Essen nur sehen, wird im Gehirn das Belohnungssystem aktiviert. Deswegen können wir Fett ansetzen. Das kann nicht jedes Tier.

Ernährungsmedizinerin: Menschen, die viel Fett speichern, haben in früheren Zeiten am längsten überlebt. Aber damals gab es eben noch nicht 24 Stunden lang Essen an fast jeder Tanke.

Chirurg: Wir haben ein brutales Überangebot an dick machenden Lebensmitteln. Und überall ist Zucker drin, sogar im Pfeffer. Das ist, als würden Sie einem Alkoholiker, der trocken bleiben muss, immerzu Alkohol ins Essen kippen und sagen: Jetzt aber nicht essen.

Psychosomatikerin: Und die Mechanismen, die uns stoppen sollten, wenn wir genug gegessen haben, sind sehr schwach; die helfen uns nicht. Deshalb müssen wir uns aktiv kognitiv zurückhalten. Abgesehen von den ganz wenigen naturdünnen Menschen, müssen alle anderen ihr Essverhalten kontrollieren. Das können manche besser, manche schlechter. Und manche überhaupt nicht.

ZEIT Doctor: Aber auch in unserer Wohlstandswelt wiegen ja nicht alle 150 Kilo oder mehr. Deshalb gibt es in der allgemeinen Wahrnehmung schon die Vorstellung, dass Adipositas auch selbst verschuldet ist.

Ernährungsmedizinerin: Schuld gibt es nicht! Diese Formulierung geht hier nicht. Das wird aber den Patienten oder Betroffenen immer gespiegelt, von der eigenen Familie, von den Mitbürgern, sogar von ihren Ärzten; friss weniger, bewege dich mehr! Aber Adipositas ist eine chronische Erkrankung.

Psychosomatikerin: Es ist ein Strauß an Ursachen. Da spielen neben unserem gemeinsamen genetischen Erbe auch individuelle Genvarianten eine Rolle, vielleicht auch das Darm-Mikrobiom, das man mitbekommen hat, und manchmal sogar schwerste psychische Traumata, die jemand als Kind erlebt hat – für alle diese Dinge kann der Betroffene nichts. Und psychologisch gesehen gibt es unterschiedliche Temperamente, auch damit wird man geboren. Es gibt Menschen, die sehr asketisch sind und ein striktes Leben führen. Und es gibt Menschen, die eher impulsiv sind. Denen fällt es viel schwerer, sich zu kontrollieren. Viele Adipöse haben ein impulsives Temperament, so komisch das klingt, weil sie ja eher behäbig wirken. Auch Kinder mit ADHS, die nicht behandelt werden, neigen dazu, später dick zu werden, obwohl sie so zappelig sind. Die Impulsiven können nichts dafür, sie müssen sich dreimal so oft kontrollieren wie ein Asket. Dort, wo ich arbeite, gibt es einige Kollegen, die sehe ich jeden Tag laufen oder mit dem Rad fahren, wenn ich mit dem Auto zur Arbeit komme. Für die ist das kein Aufwand, das fällt denen nicht schwer. Sie können so was aber nicht über alle drüber stülpen: Wenn ich das kann, kann das jeder.